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Best Practice Lehrlinge Hotel Fischer: Wenn wir Fachkräfte brauchen, müssen wir ausbilden!
Interview

Best Practice Lehrlinge Hotel Fischer: Wenn wir Fachkräfte brauchen, müssen wir ausbilden!

Acht Lehrlinge bei rund 30 Mitarbeiter:innen: Das Hotel Fischer in Marchtrenk setzt bewusst auf die Ausbildung junger Menschen. Im ÖHV-Interview spricht Eigentümerin Elisabeth Fischer darüber, weshalb Noten bei der Auswahl nicht entscheidend sind und was es bedeutet, Jugendliche in einer prägenden Lebensphase zu begleiten.

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Im Hotel Gasthof Fischer in Marchtrenk trifft 500-jährige Gasthofgeschichte auf modernen Hotel- und Restaurantbetrieb. Das familiengeführte 4-Sterne-Haus liegt nahe Wels, verfügt über 54 Zimmer und beschäftigt rund 30 Mitarbeiter:innen. Acht Lehrlinge werden aktuell in Küche, Service und Rezeption ausgebildet, drei weitere starten im Herbst. 

ÖHV: Frau Fischer, acht Lehrlinge bei rund 30 Mitarbeiter:innen sind ein außergewöhnlich hoher Anteil. War das eine bewusste Entscheidung?

Elisabeth Fischer: Ja, auch wenn sich das über mehrere Jahre entwickelt hat. Nach der Coronazeit haben viele Mitarbeiter:innen die Branche verlassen. Gleichzeitig stehen wir im oberösterreichischen Zentralraum in einem starken Wettbewerb mit der Industrie. Da wir keine Mitarbeiterunterkünfte anbieten, müssen wir unsere Mitarbeiter:innen vorwiegend in der Region finden.

Für uns war deshalb klar: Wenn wir gut ausgebildete Arbeitskräfte brauchen, müssen wir als Branche selbst ausbilden. Aber dann muss man sich auch wirklich dazu bekennen und die Ausbildung ordentlich machen. Wir haben bewusst den Kontakt zu Schulen gesucht, Führungen für Schulklassen angeboten und uns bei der Mitarbeitersuche gezielt an junge Menschen gewandt.

Dass wir schließlich so viele gute Bewerbungen erhalten haben, war sicher auch ein Glücksfall. Entscheidend war aber, dass wir uns klar als Ausbildungsbetrieb positioniert haben.

ÖHV: Was verändert sich, wenn nicht nur ein oder zwei, sondern gleich mehrere Lehrlinge im Betrieb sind?

Elisabeth Fischer: Ein oder zwei Lehrlinge fühlen sich in einem Betrieb schnell ein wenig allein. Bei mehreren Jugendlichen entsteht eine richtige Community. Sie arbeiten zusammen, unternehmen teilweise auch privat etwas und unterstützen sich gegenseitig.

Dieses Gruppengefühl wirkt sich unmittelbar auf den Arbeitsalltag aus. Die Lehrlinge fühlen sich wohler, Teamevents machen mehr Spaß und das Miteinander ist ein anderes. Bei uns ist daraus eine sehr starke Gruppe entstanden. Die Lehrlinge erbringen großartige Leistungen und entwickeln sich zu tollen Persönlichkeiten.

Mittlerweile sind sie auch unsere besten Botschafter:innen. Sie besuchen Schulen und erzählen dort selbst von ihren Lehrberufen und ihren Erfahrungen im Betrieb. Authentischer kann man junge Menschen kaum erreichen.

ÖHV: Sie bilden in Küche, Service und Rezeption aus und forcieren auch die Doppellehren. Warum?

Elisabeth Fischer: Doppellehren machen die Ausbildung vielseitiger. Für den Betrieb ist es hilfreich, wenn Mitarbeiter:innen mehrere Bereiche kennen und flexibel eingesetzt werden können. Für die Lehrlinge bedeutet es, dass sie einen breiteren Einblick bekommen und später mehr Möglichkeiten haben.

Besonders gut funktioniert die Kombination aus Rezeption und Service. In der Küche ist es häufig anders: Wer Koch oder Köchin werden möchte, will meist ganz bewusst in die Küche und bleibt auch dort.

Einige unserer Lehrlinge absolvieren zusätzlich die Lehre mit Matura. Das ist eine enorme Leistung. Sie arbeiten unter der Woche im Betrieb und besuchen am Samstag die Schule. Davor kann man wirklich nur den Hut ziehen.

ÖHV: Was brauchen Jugendliche, wenn sie mit 14 oder 15 Jahren erstmals in den Berufsalltag kommen?

Elisabeth Fischer: Vor allem verlässliche Ansprechpersonen. Viele Jugendliche kommen direkt aus der Schule, kennen den Berufsalltag noch nicht und sind in ihrer persönlichen Entwicklung längst nicht fertig. Man muss sie behutsam an den Beruf heranführen. 

Wir sagen intern immer wieder: Stellt euch vor, das wären eure eigenen Kinder. Wie würdet ihr euch wünschen, dass sie in einem anderen Betrieb aufgenommen und behandelt werden?

Diese Jugendlichen werden uns von ihren Eltern anvertraut. Wir dürfen sie ein wichtiges Stück ihres Weges begleiten und tragen Verantwortung für ihre fachliche und persönliche Entwicklung.

ÖHV: Was bedeutet das konkret für den Ausbildungsalltag?

Elisabeth Fischer: Lehrlinge wollen von Anfang an ernst genommen werden. Deshalb lassen wir sie möglichst rasch selbstständig arbeiten. Natürlich werden sie begleitet und beaufsichtigt. Sie dürfen aber auch Fehler machen und daraus lernen.

Was wir vermeiden wollen, ist, dass Lehrlinge monatelang nur zuschauen oder ausschließlich einfache Hilfsarbeiten erledigen. Sie absolvieren eine Ausbildung – vergleichbar mit einer Schule. Sie sind keine billigen Arbeitskräfte und keine Hilfsarbeiter:innen.

Unsere Abteilungsleiter:innen tragen dabei viel Verantwortung. Sie führen ihre Bereiche sehr selbstständig, stimmen sich untereinander und mit uns ab und genießen unser volles Vertrauen. Nur wenn auch die Ausbilder:innen Gestaltungsspielraum haben, können sie junge Menschen gut begleiten.

Es muss verlässliche Ansprechpersonen geben. Da haben wir großes Glück mit unseren Abteilungsleiter:innen. Die sind für die Lehrlinge da.

Elisabeth Fischer
Eigentümerin
Hotel Fischer, Marchtrenk

ÖHV: Nicht jeder Lehrling findet gleich schnell in den Betrieb. Wie gehen Sie mit diesen Unterschieden um?

Elisabeth Fischer: Das ist sehr individuell. Manche sind sofort angekommen, andere brauchen länger. Das hängt von der Persönlichkeit, der Reife und auch von der jeweiligen Lebenssituation ab.

Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren erleben viele Höhen und Tiefen. Sie bringen manchmal Schwierigkeiten mit den Eltern, in Freundschaften oder andere persönliche Belastungen mit. 

Dann muss man aufmerksam sein und das Gespräch suchen. Manche wenden sich an ihre Abteilungsleiter:innen, bei schwierigeren Situationen braucht es manchmal auch den Austausch mit den Eltern. Wichtig ist, den Jugendlichen Rückhalt zu geben und sie nicht allein zu lassen.

ÖHV: Worauf achten Sie, wenn sich Jugendliche bei Ihnen bewerben?

Elisabeth Fischer: Ich habe meistens relativ schnell ein Bauchgefühl. Wie kommt jemand herein? Wie begrüßt die Person mich? Sucht sie Blickkontakt? Wie spricht und verhält sie sich?

Alle Bewerber:innen schnuppern außerdem bei uns. Dabei sieht man sehr gut, welche Einstellung zur Arbeit vorhanden ist. Was jemand fachlich schon kann, ist nicht entscheidend. Auch Schulnoten sind für mich nicht das Wichtigste. Fachliches Wissen kann man vermitteln.

In der Dienstleistung braucht es aber gewisse soziale Voraussetzungen: Offenheit, Verlässlichkeit, Interesse an anderen Menschen und eine positive Einstellung zum Tun.

ÖHV: Welche Rolle spielen Social Media und die Sichtbarkeit der Lehrlinge?

Elisabeth Fischer: Wir möchten auf Facebook und Instagram nicht nur unsere Speisekarte oder klassische Hotelinhalte zeigen. Wir stellen bewusst auch unsere Mitarbeiter:innen und Lehrlinge in den Vordergrund. Wenn junge Menschen etwas erreicht haben, darf und soll man das sichtbar machen.

Gemeinsam mit einer Agentur haben unsere Lehrlinge in einem Workshop gelernt, selbst Inhalte und Reels zu produzieren. Gerade Instagram ist eine Sprache, die junge Menschen oft besser beherrschen als wir. Gleichzeitig lernen sie, wie man den Betrieb professionell nach außen darstellt.

Das Ergebnis ist sehr authentisch. Die Jugendlichen zeigen ihren Arbeitsalltag aus ihrer eigenen Perspektive – und erreichen damit auch andere Jugendliche.

ÖHV: Bleiben die Lehrlinge nach ihrem Abschluss bei Ihnen?

Elisabeth Fischer: Viele übernehmen wir sehr gerne. Natürlich gibt es auch junge Menschen, die zunächst zum Bundesheer gehen oder andere Betriebe und Regionen kennenlernen möchten.

Gerade in der Küche empfehlen wir durchaus, nach der Ausbildung auch einmal ins Ausland oder in einen anderen Betrieb zu gehen. Wir geben ein gutes Fundament mit. Im besten Fall sammeln die jungen Menschen neue Erfahrungen und kehren später mit zusätzlichem Wissen zu uns zurück.

Ausbildung bedeutet für uns nicht, jemanden möglichst schnell an den Betrieb zu binden. Wir wollen eine gute Basis für den weiteren Berufsweg schaffen.

ÖHV: Was würden Sie Betrieben mitgeben, die mehr Lehrlinge ausbilden möchten?

Elisabeth Fischer: Lehrlingsausbildung ist Arbeit. Sie braucht Zeit, Energie und zusätzliche Kapazitäten. Man darf Lehrlinge nicht einstellen, weil man günstige Arbeitskräfte sucht.

Wer Ausbildung ernst nimmt, bekommt aber sehr viel zurück. Man erlebt, wie sich junge Menschen entwickeln, Verantwortung übernehmen und zu Persönlichkeiten heranwachsen. Sie wachsen als Gruppe zusammen und tragen den Spirit des Unternehmens weiter.

Entscheidend ist, dass sich nicht nur einzelne Ausbilder:innen zuständig fühlen. Der gesamte Betrieb muss die Ausbildung mittragen. Dann wird aus der Investition in junge Menschen eine Investition in die Zukunft des Unternehmens und der ganzen Branche.

Das Interview ist eine Zusammenfassung des Gesprächs mit Familie Reiter in unserem Online-Talk “Die ÖHV präsentiert die Ergebnisse der Lehrlingsumfrage” vom 16. Juli 2026.
Link zur Aufzeichnung

Mag.(FH) Kristin Oberweger

Mag.(FH) Kristin Oberweger

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