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Mehr als Übersetzen: Internationale Gäste verstehen
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Mehr als Übersetzen: Internationale Gäste verstehen

Wer neue internationale Zielgruppen ansprechen will, braucht mehr als fremdsprachige Website-Texte. Entscheidend ist, kulturelle Erwartungen entlang der gesamten Guest Journey zu verstehen. Wie Hotels neue Märkte erschließen, ohne ihre Marke zu verwässern, zeigt Pavel Angerer Alvarez.

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Wir leben in einer Zeit, in der nicht mehr das Produkt allein entscheidet, sondern das Erlebnis, und damit die Frage, wie sich eine gesamte Guest Journey anfühlt – vom ersten Scrollen auf Instagram bis zum Moment, in dem ein Gast nachts im Hotelzimmer das Licht ausschaltet. Internationale Gäste buchen nicht nur ein Bett in Wien, Salzburg oder Kitzbühel, sie buchen ein Gefühl und ein Bild von Österreich. Viele Hotels investieren deshalb in neue Märkte, Übersetzungen und internationale Kampagnen, und trotzdem bleibt die Wirkung oft kleiner als erhofft. Der Grund ist selten mangelnde Qualität. Er liegt meist woanders:

Wir kommunizieren häufig so, als wäre der Gast kulturell „wie wir“. Streuverluste zeigen sich dann nicht als Beschwerde, sondern als fehlender Buchungsklick, als abgebrochene Anfrage, als Gast, der zwar kommt, aber emotional nicht andockt.

Ein einziges Wort reicht, um diese Lücke zu verstehen: „Dreiviertelverwöhnpension“. Für uns ist das ein vertrauter Begriff, fast ein kleines Qualitätsversprechen, doch für internationale Gäste klingt er wie ein Rätsel, weil eine direkte Übersetzung wie „threequarter pampering board“ nicht erklärt, was wirklich dahintersteckt. Fehlt das Frühstück? Bekomme ich nur 75 Prozent Service? Am Ende bleibt die entscheidende Frage: Was bedeutet das konkret für mich, wie flexibel ist das Angebot und was bekomme ich tatsächlich für mein Geld? Genau hier beginnt multikulturelles Marketing: nicht bei der Sprache, sondern bei der Bedeutung hinter der Sprache.
 

Der blinde Fleck des „One-Size-Fits-All“

Viele Betriebe behandeln „international“ noch immer wie eine einzige Zielgruppe. Doch Reisemotive sind kulturell geprägt, ebenso wie Erwartungen an Service, Tonalität und Atmosphäre. Gäste aus den USA suchen häufig das filmreife Erlebnis, klar strukturiert und digital reibungslos. Gäste aus Indien reisen oft in Familienstrukturen, vegetarische Vielfalt ist dort Normalität und persönliche Betreuung wird stark als Respekt empfunden.

Man erkennt diese Unterschiede nicht an großen Konflikten, sondern an kleinen Momenten. Ein Gast, der beim Check-in höflich nickt, obwohl er die Regeln nicht ganz verstanden hat. Ein Paar, das beim Spa-Eingang kurz stehen bleibt, weil es nicht weiß, ob Badebekleidung verpflichtend ist oder ob man sich irgendwo anmelden muss. Eine Familie, die sich nicht beschwert, aber beim zweiten Abendessen plötzlich nicht mehr auftaucht, weil das Menü nicht zu den Gewohnheiten passt und weil niemand im Team gemerkt hat, dass es kein Problem der Küche war, sondern ein Problem der Kommunikation. Diese Gäste sagen selten: „Ich fühle mich nicht gemeint.“ Sie kommen einfach nicht wieder.

Ich schreibe über diese Mechanismen nicht nur als Hotelier, sondern auch als schwarzer Mann, der in Österreich lebt und arbeitet. Ich kenne das Gefühl, korrekt behandelt zu werden, ohne sich wirklich gemeint zu fühlen, den Unterschied zwischen „bedient werden“ und „gesehen werden“. Solche Signale entstehen selten aus bösem Willen, sondern aus Routinen und unbewussten Annahmen darüber, wer „typischer Gast“ ist. Internationale Hotelketten behandeln kulturelle Anschlussfähigkeit längst als Qualitätsmanagement. Vertrauen entsteht entlang der gesamten Journey.
 

Drei konkrete Hebel statt leerer Floskeln

Kulturelle Anschlussfähigkeit bedeutet nicht, die Marke zu verwässern, sondern österreichische Qualität so zu gestalten, dass sie für unterschiedliche Menschen verständlich wird. Aus meiner Arbeit lassen sich drei Maßnahmen ableiten, die sofort wirken und kaum Budget brauchen:
 

1. Rituale statt nur Rezepte (der „Mini-Puja“- und Rooibos-Effekt)

Echte Passung entsteht oft im Detail. Eine diskrete Möglichkeit für das Morgengebet im Zimmer oder in einem ruhigen Lobbybereich kann indischen Gästen viel bedeuten. Kleine Gesten verändern das Gefühl von Willkommensein massiv.
 

2. Nicht nur übersetzen, sondern decodieren (Farben, Symbole und Payment)

Farben und Symbolik wirken oft stärker als Worte. Was für uns „clean“ wirkt (zum Beispiel Weiß-Blau), kann in Teilen Asiens mit Trauer assoziiert werden, während Rot-Türkis Glück signalisiert. Auch Payment zählt: Wenn vertraute Zahlungslogiken fehlen (wie PIX für brasilianische Gäste), entsteht Reibung, und Reibung bedeutet Abbruch.
 

3. Die kulturelle Intelligenz nutzen, die bereits im Haus ist (Buddy-System & Shadow Shifts)

Viele Betriebe haben internationale Teams, nutzen diese Vielfalt aber selten strategisch. Ein internes Buddy-System und Shadow Shifts zwischen Abteilungen machen Wissen im Haus sichtbar, weil Mitarbeitende Serviceerwartungen und typische Missverständnisse erklären, die Gäste oft nie offen ansprechen. Das stärkt zugleich die Teamkultur.

Multikulturelles Marketing bedeutet, österreichische Qualität so zu übersetzen, dass sie auch ohne Wörterbuch verstanden wird.

Wenn uns das gelingt, gewinnen wir nicht nur internationale Gäste. Wir gewinnen Vertrauen – und Vertrauen ist in unserer Branche der Beginn von echter Loyalität.

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