Barrierefreiheit
Was haben Hotels zum Thema Barrierefreiheit zu beachten? Was ist verpflichtend umzusetzen und was ist optional? Wie fühlt sich der Hotelbesuch für einen Betroffenen an?
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Die Barrierefreiheit ist essentiell für 10 % der Bevölkerung, notwendig für 40 % und komfortabel für 100 % der Bevölkerung. Nach dem Behindertengleichstellungsrecht müssen Güter und Dienstleistungen, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, diskriminierungsfrei – also auch ohne Barrieren - angeboten werden.
Der Schutz gegen Diskriminierung im täglichen Leben ist im Bundes- Behindertengleichstellungsgesetz geregelt. Das Behinderteneinstellungsgesetz regelt den Diskriminierungsschutz in der Arbeitswelt. Diese beiden Gesetze enthalten keine konkreten Bestimmungen über die Ausgestaltung der Barrierefreiheit. Wesentlich im Bereich der Barrierefreiheit sind über die gesetzlichen Regelungen hinaus Richtlinien und Normen, die aber nur Empfehlungs-Charakter haben.
Inhalte im Überblick
Was gilt in Österreich?
Wir haben bei Maria Grundner/Mobilitätsagentur Wien nachgefragt.
ÖHV: Was versteht man unter baulicher Barrierefreiheit? Welche Bedürfnisse sind dabei zu berücksichtigen?
Bauliche Barrierefreiheit nützt allen Menschen, unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften. Sie hilft jedoch ganz besonders Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder sich schwer bewegen können. Oft erschweren oder verhindern Barrieren den Zugang zu Gebäuden. Manchmal sind Angebote auch schwer verständlich oder kaum wahrnehmbar und können deshalb nicht genutzt werden. Da jede Beeinträchtigung anders ist, stellt jeder Mensch individuelle Anforderungen an seine Umwelt. Eine umfassende Barrierefreiheit ist daher zwingend notwendig. Nur so können Gäste uneingeschränkt reisen und damit an der Gesellschaft teilnehmen.
ÖHV: Was sind die gesetzlichen Grundlagen? Da kommen in Österreich ja mehrere Ebenen zusammen.
In der Hotellerie ist Barrierefreiheit längst kein reines Gesetzeswerk mehr, sondern ein messbares Qualitätsmerkmal. Komfort, Sicherheit und eine klare Orientierung sind heute für viele Reisegruppen entscheidend, seien es Familien, ältere Generationen oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Hotels, die Barrierefreiheit architektonisch und serviceorientiert integrieren, investieren direkt in die Kundenbindung. Sie fördern die Reiseunabhängigkeit, steigern die Verweildauer und erschließen ungenutzte Marktsegmente, ohne dabei Kompromisse beim Stil des Hauses einzugehen.
Nur Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige haben in Österreich eine greifbare gesetzliche Grundlage und können sich auf Antidiskriminierungsgesetze (in Österreich zB das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz als sogenanntes Schadenersatzgesetz) stützen. Für alle anderen Gäste, vor allem auch jene aus dem Ausland, wird der Aufenthalt mit fehlender Barrierefreiheit mühsamer und schwieriger. Durch eine eingeschränkte Mobilität bleibt weniger Zeit, um zu konsumieren. Durch eingeschränkte Möglichkeiten können Großeltern mit der Familie weniger mitreisen. Durch Barrieren entstehen in Sozialen Medien schlechte Kritiken, die sich kein Unternehmen wünscht usw.
Demnach ist ganz klar, dass aus unternehmerischer Sicht nicht billiger gebaut wird, wenn barrierefreie Strukturen fehlen. Bauliche gesetzliche Anforderungen zum barrierefreien Bauen sind in Österreich auf ein Minimum beschränkt. Die Empfehlungen aus der ÖVE/ÖNORM EN 17210 und ÖNORM B 1600 bieten wertvolle Grundlagen zum diskriminierungsfreien Bauen. Planende können Bauherrschaften beraten, wie ein diskriminierungsfreies Hotel aussehen kann und mit einfachen Mitteln höchster Komfort erreichen. Eine Annäherung stellt sich häufig in der Praxis als möglicher Kompromiss heraus, der sich vielfach erklären lässt. Zum Beispiel ist es die Anbindung an bestehende Strukturen, ein Bedarf der sich aus anderen Zwängen ergibt oder schlicht die Vielfalt, die abgedeckt werden möchte, ein guter Grund, wie etwas entsteht.
In jedem Fall ist es immer wichtig den Gast zu kommunizieren wie was angeboten wird. Schwierig ist es dann, wenn Erwartungshaltungen bei der Anreise vorhanden sind, die nicht erfüllt werden können.
ÖHV: Wenn ein Hotelier heute neu baut oder umfassend umbaut: Was muss er beim Thema Barrierefreiheit als Erstes wissen?
Jedes Hotel muss barrierefrei nutzbare Gästezimmer haben. Es gibt keine Ausnahme, auch bestehende Betriebe mit bestehenden Gebäuden haben in Österreich seit über 20 Jahren die Aufgabe in Barrierefreiheit stets zu investieren. Je höher der Standard der angeboten wird, desto mehr Gäste fühlen sind mobil und willkommen. Es gibt im Wesentlichen zwei Rechtsmaterien, die beachtet werden müssen: das Baurecht und das Anti-Diskriminierungsrecht (unter anderem das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz und das Barrierefreiheitsgesetz). Laut Baurecht bestehen häufig Unterschiede zwischen den Bundesländern und den Betriebsgrößen.
ÖHV: Welche Konsequenzen können auf einen Betrieb zukommen, wenn Bereiche nicht ausreichend barrierefrei zugänglich sind? Was sollten Hoteliers dokumentieren, wenn bei einem Bestandsgebäude bestimmte Maßnahmen nicht oder nur eingeschränkt umgesetzt werden können?
Sehr häufig kommt es vor, dass Betriebe über Soziale Medien schlechte Kritiken bekommen. Betriebe können auch zu Schadenersatzzahlungen für eine diskriminierende Handlung verpflichtet werden. Zu beachten ist, dass in der digitalen Barrierefreiheit (z.B. auf der Website oder einer Buchungsplattformen) das Barrierefreiheitsgesetz zu tragen kommt und hierfür die Marktüberwachung in ihrem Sinne Sanktionen setzt.
ÖHV: Was gilt als zumutbar bzw. unverhältnismäßig? Wer beurteilt das im konkreten Projekt? Welche Maßnahmen bringen mit relativ wenig Aufwand besonders viel?
Eine Zumutbarkeit wird vom Gericht festgestellt. Die Umsetzungspflicht gibt es seit 20 Jahren in Österreich. Vor Gericht liegt die Beweislast beim dienstleistenden Betrieb. Es ist plausibel zu erklären, wie und was seit 2006 in Barrierefreiheit investiert wurde. Ein barrierefreies Angebot umfasst alle Gebäudeteile, je weniger Räume nutzbar sind, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Personen diskriminiert fühlen.
Sehr günstige Maßnahmen sind ehrliche Informationen auf der Homepage über das barrierefreie Angebot oder die Schulung von Mitarbeiter:innen, wie sie auf Bedarfe von zum Beispiel älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen reagieren sollen.
Am besten ist es, bei jeder kleinen Gelegenheit mehr und mehr bauliche Barrierefreiheit zu implementieren: Sitzmöbel und Tische gewählt auszusuchen; beim Kauf von Ständer für Broschüren darauf zu achten, wie gut bedienbar sie sind; notwendige Durchgangsbreiten beachten usw.
ÖHV: Was macht ein Hotelzimmer tatsächlich gut barrierefrei nutzbar? Welche Maße und Ausstattungsdetails sind besonders entscheidend? Was muss ich als Hotelier in der Planung beachten? Wie macht man´s richtig?
Anleitungen und Hilfestellungen finden Sie in einem Leitfaden der WKO.
ÖHV: Kann gut geplante Barrierefreiheit gleichzeitig gutes Hoteldesign sein oder entstehen hier Zielkonflikte?
Dazu möchte ich Margarete Schütte-Lihotzky zitieren: „Funktion folgt Design." Es ist Aufgabe der Designer:innen und Planenden nutzbares Design und funktionale Architektur zu erzeugen. Wenn das nicht gelingt, liegt aus meiner Sicht eine Themenverfehlung vor. Jede:r sollte sich in einem Hotelzimmer wohlfühlen dürfen.
Ein Reisebericht aus der Rollstuhl-Perspektive
Geringer Aufwand, großer Nutzen - Wie ich mir einen Hotelaufenthalt als Rollstuhlfahrer wünsche …
Auch Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderungen wollen Urlaub machen, ihre Freizeit genießen und selbstbestimmt verreisen. Dazu muss ich – seit knapp sechs Jahren nach zwei Beinamputationen im Rollstuhl – einiges an Recherchearbeit betreiben. Dieser Artikel soll nur einen kleinen Einblick eines Rollstuhlfahrers geben und ist bei weitem nicht vollständig.
„Rollen“ wir dazu gleich in medias res: Was bedeutet Hotel-Recherche für mich? Zuerst durchforste ich einschlägige Webseiten und suche nach passend beschriebenen Hotels. Dabei entscheidet oft der erste Blick: Finde ich sofort einen Bereich zum Thema Barrierefreiheit – am besten gleich auf der Startseite – oder muss ich lange suchen, denn dann suche ich meist gleich das nächste Hotel, denn die Suche soll schnell gehen und die Informationen leicht auffindbar sein – schließlich ist Zeit immer ein Faktor. Sehr hilfreich dabei sind sofort sichtbare Rollstuhl-Piktogramme, im Idealfall in grün (barrierfrei/barrierfreundlich), gelb (eingeschränkt) oder rot (nicht barrierefrei/barrierefreundlich). Sehr wichtig sind auch diverse Maße, wie Türbreiten, Betthöhen oder Kleiderstangen.
Ist dieser Punkt abgehakt und ich habe mein Zimmer gebucht, dann kann es auch schon losgehen und ich freu mich auf den ersten Eindruck meiner Unterkunft. Die Fotos entsprechen der Realität, das Hotel ist gut mit dem Rollstuhl erreich- und befahrbar, und das Personal kommt auf mich zu, bittet mich im Idealfall zu einem Tisch – Rezeptionen sind meist zu hoch für Rollstuhlfahrer –, um mit mir das Gästeblatt auszufüllen – Kommunikation auf Augenhöhe –, unterstützt mich beim Transport des Gepäcks und begleitet mich auf mein Zimmer.
Im Aufzug freue ich mich über waagrecht angeordnete Etagenknöpfe. In meinem Refugium angekommen, werfe ich einen schnellen Blick durch Zimmer und Bad und bitte um diverse Anpassungen für meinen Aufenthalt. Meist ist zum Beispiel der Duschkopf unerreichbar, ein für mich überflüssiger Sessel steht im Zimmer oder andere „Barrieren“ stehen im Weg. Sehr oft bitte ich auch um Deaktivierung des Selbstschließmechanismus, da Zimmertüren oft sehr schwer auf- bzw. schnell zugehen. Ausstattungen wie Teppichböden oder Türschwellen sind oft vorhanden, automatische Türöffner innen und außen, sowie Schiebetüren ins Badezimmer fehlen leider allzu oft.
Die Nacht war angenehm, das Bett für den Transfer nicht zu hoch und die Fenster konnte ich öffnen und schließen – die Griffe dafür waren auch für mich erreichbar. Die Dusche hatte einen Sitz, Shampoo und Duschgel waren erreichbar und der Spiegel im Bad hat mir nicht nur meine Glatze gezeigt, er ging bis hinunter zum unterfahrbaren Waschbecken bzw. war er kippbar und die Toilette hatte an beiden Seiten klappbare Haltegriffe und war nicht eingeschränkt erreichbar.
Ich habe also Hunger, das Frühstück ruft und ich freue mich darauf, der Duft von frischem Kaffee steigt schon in meine Nase. Ich werde freundlich empfangen und bekomme einen Tisch in der Nähe des Buffets. Dazu erhalte ich ein Tablett, das an der Unterseite mit Styroporkugeln befüllt ist, damit ich es auf meinem Schoß gut austarieren kann. Bei der Rundfahrt beim Buffet werde ich nicht übersehen und mir wird Hilfe angeboten bei Dingen, die ich zum Beispiel nicht erreichen kann – meist steht eine Kaffeemaschine weiter hinten auf der Theke, die ich erreichen kann – oder auch Säfte, Müsli und ähnliches. Aber die hilfsbereiten Mitarbeiter:innen sind aufmerksam und verstecken sich nicht vor mir. Angenehm wären niedriger aufgestellte Chafing Dishes, damit ich hineinsehen kann. Von Hotelmitarbeiter:innen erhoffe ich mir in erster Linie Offenheit, keine Scham gegenüber Menschen mit Behinderungen und lieber einmal zu oft als zu selten die Frage, ob sie behilflich sein können.
Zum Schluss noch ein paar generelle Tipps
Was uns Rollstuhlfahrer:innen sehr weiterhilft: eine richtig ausgestattete, barrierefreie Toilette in öffentlichen Bereichen, an der Bar zum Beispiel ein abgesenkter Bereich, wo auch ich drübersehe und auch gesehen werde – dies gilt auch für den Rezeptionsbereich –, ein Behindertenparkplatz direkt vor dem Eingang und so viel Information wie möglich, um auch Menschen im Rollstuhl wunderschöne Urlaubstage bescheren zu können.
Menschen mit Behinderung sind keine Nische – sie sind Gäste, Empfehlungsgeber:innen und Teil unseres Alltags. Hotels, die Barrierefreiheit professionell kommunizieren und ehrlich leben, schaffen Vertrauen, gewinnen neue Zielgruppen und stärken ihre Marke. Barrierefreiheit ist damit nicht nur ein Beitrag zu Inklusion, sondern auch ein wirkungsvolles Marketinginstrument. Vor allem aber sorgt sie dafür, dass sich wirklich alle Gäste herzlich willkommen fühlen.
Zum Autor: Martin Bruno Walther weiß aus eigener Erfahrung, worauf es ankommt: Als Reisejournalist, Fotograf, Tourismusexperte und Rollstuhlfahrer kennt er die Herausforderungen barrierefreien Reisens aus erster Hand. Gemeinsam mit Sylvia Unger, langjähriger Hotelmanagerin, Kommunikationstrainerin und Expertin für Servicequalität, zeigt er, wie Hotels mit oft kleinen Veränderungen eine große Wirkung erzielen können.