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Lehrlinge entwickeln statt nur ausbilden: So macht es ARCOTEL Hotels

Lehrlinge entwickeln statt nur ausbilden: So macht es ARCOTEL Hotels

ARCOTEL Hotels setzt in der Lehrlingsausbildung auf Persönlichkeitsentwicklung, Verantwortung und eine starke Beziehung zu jungen Talenten. Dr. Büsra Bakar erklärt im Interview, warum Ausbildung Führungsaufgabe ist, was hinter den „Bausteinen fürs Leben“ steckt und welche Maßnahmen auch kleinere Hotels sofort umsetzen können.

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ÖHV: Frau Dr. Bakar, welchen Stellenwert hat die Lehrlingsausbildung bei ARCOTEL Hotels?

Dr. Büsra Bakar: Aktuell beschäftigen wir in unseren österreichischen Häusern 35 Lehrlinge, unter anderem in den Berufen Hotelkaufmann/-frau, Koch/Köchin und Restaurantfachmann/-frau.

Für uns hat die Lehrlingsausbildung einen sehr hohen Stellenwert. Als Branche können wir nicht nur darüber sprechen, dass Fachkräfte fehlen. Wir müssen auch selbst Verantwortung dafür übernehmen, die Fachkräfte von morgen auszubilden und junge Menschen für die Hotellerie zu begeistern.

Unser Ziel ist deshalb nicht, Lehrlinge einfach durch drei Jahre Ausbildung zu bringen. Wir möchten sie entwickeln, ihnen Perspektiven zeigen und sie im besten Fall auch nach der Lehrabschlussprüfung auf ihrem weiteren Karriereweg innerhalb von ARCOTEL Hotels begleiten.

 

ÖHV: Was unterscheidet für Sie einen guten von einem ausgezeichneten Ausbildungsbetrieb?

Dr. Büsra Bakar: Ein guter Ausbildungsbetrieb vermittelt Fachwissen. Ein ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb entwickelt Menschen.

Viele Lehrlinge kommen mit 15 oder 16 Jahren zu uns. Wir begleiten sie damit nicht nur beim Einstieg in einen Beruf, sondern auch in einer wichtigen Phase ihres Erwachsenwerdens. Neben fachlicher Qualität geht es deshalb um Kommunikation, Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Feedbackfähigkeit und soziale Kompetenz.

Ein wichtiger Baustein ist unser Programm „Bausteine fürs Leben“. Gleichzeitig verstehen wir Ausbildung ganz bewusst als Führungsaufgabe. Ausbildungsqualität entsteht nicht allein in der Personalabteilung. Sie entsteht jeden Tag im Hotel, durch Führungskräfte, Ausbilder:innen und die Teams, in denen die Lehrlinge arbeiten.

 

ÖHV: Was steckt hinter den „Bausteinen fürs Leben“?

Dr. Büsra Bakar: Wir möchten unseren Lehrlingen Kompetenzen vermitteln, die sie nicht nur im Beruf brauchen. Dazu gehören Fragen wie: Wie kommuniziere ich respektvoll? Wie gehe ich mit Kritik oder Konflikten um? Wie gebe ich selbst Feedback? Wie vertrete ich meine Meinung? Aber auch Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Selbstorganisation und Eigenverantwortung spielen eine wichtige Rolle.

Besonders wichtig ist uns die Selbstreflexion. Bei einem Konflikt ist es einfach zu sagen: „Der andere ist schuld.“ Wir möchten jungen Menschen zusätzlich vermitteln, sich zu fragen: Was war mein eigener Anteil? Wie habe ich kommuniziert? Was hätte ich anders machen können?

Gleichzeitig sollen sie lernen, für sich einzustehen, Grenzen zu kommunizieren und Unterstützung einzufordern, wenn sie diese benötigen.

Wir sehen, dass die Lehrlinge dadurch selbstbewusster, reflektierter und selbstständiger werden. Davon profitieren letztlich auch die Teams.

Für mich gilt ein wichtiger Grundsatz: Ein Lehrling ist keine zusätzliche Arbeitskraft, sondern ein Mensch, den wir ausbilden.

Dr. sc Büsra Bakar MSc
Head of Human Resources for Austria & Germany
ARCOTEL Hotels

ÖHV: Wie gelingt es, Lehrlinge im Alltag wirklich zu entwickeln und ihnen Verantwortung zu übertragen?

Dr. Büsra Bakar: Natürlich arbeiten Lehrlinge aktiv im operativen Alltag mit. Aber dahinter muss immer eine Entwicklung stehen. Zuerst geht es darum, zuzusehen, erklärt zu bekommen und begleitet auszuprobieren. Danach können Aufgaben zunehmend selbstständig übernommen werden. Irgendwann muss bewusst der Moment kommen, in dem wir sagen: „Das ist jetzt deine Aufgabe. Wir vertrauen dir.“

Dazu gehört auch, Fehler zuzulassen. Wenn wir Verantwortung übertragen, können wir nicht gleichzeitig erwarten, dass von Beginn an alles perfekt funktioniert. Viel wichtiger ist die gemeinsame Reflexion: Was ist passiert? Warum? Was können wir daraus lernen? Was machen wir beim nächsten Mal anders?

Junge Menschen wachsen enorm, wenn sie merken, dass ihnen tatsächlich etwas zugetraut wird.

 

ÖHV: Laut ÖHV-Lehrlingsbefragung ist Jugendlichen auch der Spaß während der Ausbildung besonders wichtig. Wie lässt sich das mit einem hohen Leistungsanspruch verbinden?

Dr. Büsra Bakar: Leistung und Freude stehen für mich überhaupt nicht im Widerspruch. Die Hotellerie ist anspruchsvoll und verlangt Einsatz und Verlässlichkeit. Gleichzeitig müssen junge Menschen erleben können, warum diese Branche so viel Freude machen kann.

Spaß entsteht dabei nicht nur durch Events oder gemeinsame Aktivitäten. Er entsteht auch durch Gemeinschaft, Anerkennung und Erfolgserlebnisse. Wenn ein Gast einen Lehrling persönlich lobt, jemand zum ersten Mal eine Aufgabe selbstständig bewältigt oder merkt, wie viel er oder sie in wenigen Monaten gelernt hat, sind das sehr wichtige Erfahrungen.

Entscheidend ist deshalb der Arbeitsalltag. Die beste Veranstaltung einmal im Jahr kann schlechte Führung an den übrigen Tagen nicht kompensieren. Wir brauchen eine Kultur, in der gemeinsam gelacht werden darf, Erfolge gefeiert werden und Wertschätzung stattfindet, ohne den professionellen Anspruch aus den Augen zu verlieren.

 

ÖHV: ARCOTEL Hotels ist eine Hotelgruppe. Was davon können kleinere Betriebe mit weniger personellen Ressourcen übernehmen?

Dr. Büsra Bakar: Gerade kleinere Betriebe haben einen großen Vorteil: Nähe. Man kennt die Lehrlinge persönlich, erlebt ihre Entwicklung unmittelbar und kann rasch reagieren.

Gute Ausbildung braucht nicht zwingend eine große Personalabteilung oder ein großes Budget. Oft sind es einfache Dinge, die besonders viel bewirken.

Jeder Lehrling sollte zunächst eine klare Bezugsperson haben und wissen, an wen er oder sie sich mit Fragen oder Problemen wenden kann.

Ebenso wichtig ist regelmäßiges Feedback. Dafür braucht es keine langen Meetings. 15 Minuten alle zwei Wochen können wertvoller sein als ein zweistündiges Gespräch einmal im Jahr. Drei Fragen reichen oft schon: Wie geht es dir? Was hast du in den vergangenen Wochen gelernt? Wobei brauchst du Unterstützung?

Lehrlinge sollten außerdem wissen, wo sie in ihrer Entwicklung stehen: Was kann ich bereits? Was soll ich als Nächstes lernen? Welche Verantwortung darf ich danach übernehmen?

Und wir sollten nicht nur darüber sprechen, was noch nicht funktioniert. Anerkennung kostet nichts, kann aber gerade bei jungen Menschen enorm viel bewirken.

 

ÖHV: Und wie werden aus Lehrlingen langfristige Mitarbeiter:innen?

Dr. Büsra Bakar: Indem wir früh über Perspektiven sprechen. Wer einen guten Lehrling halten möchte, sollte nicht erst drei Wochen vor der Lehrabschlussprüfung fragen, ob er oder sie bleiben will.

Junge Menschen möchten wissen: Was kann aus mir hier werden? Welche Möglichkeiten habe ich? Was könnte mein nächster Schritt sein?

Vielleicht ist das meine wichtigste Empfehlung: Lehrlinge sollten nicht ausschließlich als zukünftige Fachkräfte betrachtet werden, sondern zunächst als junge Menschen, die Orientierung brauchen.

Ausbildungsqualität hängt deshalb nicht in erster Linie von Unternehmensgröße oder Budget ab, sondern von der Qualität der Beziehung. Wenn ein junger Mensch sagen kann: „Hier interessiert sich jemand für mich. Hier werde ich ernst genommen. Hier darf ich lernen, Fehler machen und mich entwickeln“, dann hat ein Ausbildungsbetrieb bereits sehr viel richtig gemacht.

Dr. Büsra Bakar ist Head of Human Resources für Österreich und Deutschland bei ARCOTEL Hotels. Die promovierte Arbeits- und Organisationspsychologin verfügt über langjährige HR-Erfahrung in der Hospitality-Branche. Bei ARCOTEL Hotels verantwortet sie unter anderem Recruiting, Employer Branding sowie die Mitarbeiter:innen- und Führungskräfteentwicklung. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf einer wertschätzenden Unternehmenskultur und der Entwicklung junger Talente.


Copyright Porträtfoto: ARCOTEL Hotels

Mag.(FH) Kristin Oberweger

Mag.(FH) Kristin Oberweger

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