Donnerstag, 15. Jänner 2026
„Nicht mehr die Pandemie, sondern eine Bürokratie hoch drei ist heute die größte Herausforderung der Branche – und sie verlangt nach Entbürokratisierung im Eiltempo.“
Walter Veit, ÖHV-Präsident
Schon im Juni 2021 war das Linzer Design Center Schauplatz eines ÖHV-Jahreskongresses. Das war kurz nach dem Ende der Corona-Maßnahmen. Mundschutz war noch Pflicht, man mußte bei den Abendveranstaltungen auf zugewiesenen Plätzen sitzen, doch war dies immerhin der erste Großkongress in Österreich nach dem Auslaufen der pandemiebedingten Einschränkungen, erinnerte Präsident Veit in seiner Rede zur offiziellen Kongresseröffnung am Donnerstag.
Beim diesjährigen „Familientreffen der Branche“ stünden andere Sorgen im Vordergrund. „Es ist die Bürokratie hoch drei, die uns begleitet“, resümierte Veit. Um dagegen zu halten, müssten „neue Entbürokratisierungsprojekte in hoher Taktzahl“ gestartet werden. Ein verpflichtender Praxischeck möglichst früh im Gesetzgebungsprozess sollte dafür sorgen, dass nur mehr praxistaugliche Vorschriften in Begutachtung gehen. Wir versuchen auch, neue Wege zu gehen, führte er weiter aus. Dem diene der Austausch mit jungen Talenten - ein wichtiger Schwerpunkt des Kongresses 2026. So wurde heuer den mitmachenden 14 Tourismusschulen eine eigene Bühne geboten. In einer „Young Talents Stage“ hatten die engagiert auftretenden Schülerinnen und Schüler mehrfach Gelegenheit, mit der Hotellerie und damit künftigen Arbeitgebern Kontakte zu knüpfen.
Simplicity trifft KI: Warum Mensch-Maschine-Psychologie entscheidet
Martina Mara, Professorin für Psychologie der Künstlichen Intelligenz und Robotik, Johannes Kepler Universität Linz
Wie Veit sagte, haben sich KI und Robotik im Tourismus noch nicht so richtig durchgesetzt. Ein Grund dafür sei wohl, dass es in dieser Branche „menscheln“ muss. Mit dieser Bemerkung schuf Veit einen passenden Übergang zum ersten Referat des Vormittags, in dem sich Martina Mara, Professorin für Psychologie der Künstlichen Intelligenz und Robotik an der Johannes Kepler Uni in Linz, unter dem Motto „Simplicity trifft KI“ mit dem Tagungsthema aus psychologischer Sicht befasste.
In den Vordergrund stellte Prof. Mara das Phänomen des „Anthropomorphismus“, wonach menschliche Verhaltensweisen wie etwa Höflichkeit auch im Verhältnis zu Computern zu beobachten sind. Den Dingen werden menschliche Charakteristika wie Gefühle oder Bewusstsein zugeschrieben.
Es wachse eine neue Generation an „KI natives“ heran, bei der künstliche Intelligenz zum Ansprechpartner werden und sogar die Rolle eines Lebenspartners einnehmen kann. Das Phänomen „Dialog mit der Maschine“ habe sich in unglaublich kurzer Zeit etabliert. Die Bereitschaft zur extensiven Nutzung sei gegeben, weil KI zwei wesentliche Vorteile - Nützlichkeit und einfache Bedienung - in sich vereine. Speziell von Menschen, die sich einsam fühlen, werden diese Dinge als soziale Wesen wahrgenommen, KI als Mittel gegen Einsamkeit genutzt. Im Tourismus wird die KI für die „KI natives“ zum wichtigsten Urlaubsberater. Um in entsprechende KI-Angebote hineinzukommen, muss der Hotelier möglichst viele gute online-Berichte generieren, die von der KI wahrgenommen werden. „Sie müssen schauen, dass Sie dabei sind!“, betonte die Vortragende.
Mara warnte vor „Übervertrauen“ („over trust“) gegenüber ChatGPT und ähnlichen Systemen. Besser sei angepasstes Vertrauen („calibrated trust“). Ein weiteres Phänomen der Mensch-Maschine-Interaktion sei die „labor illusion“, bei der Geräte den Eindruck erwecken, sich um die interagierende Person besonders zu bemühen. Im Sinne dieser labor illusion werden künstliche Wartezeiten bis zum Ergebnis eingebaut. Solche Resultate werden mitunter besser aufgenommen als (technisch mögliche) Sofortergebnisse. In der Hotellerie habe KI das Potenzial, den MA viele Routinearbeiten abzunehmen. Dem stehe noch ein großer Aufholbedarf an KI-Wissen und -Kompetenz gegenüber. Es sei möglich, das Verständnis für die neuen Technologie humorvoll zu fördern. Als gutes Bespiel für Initiativen dieser Art zeigte Prof. Mara dem Publikum einen heiteren „Video-Clip auf oberösterreichisch“ mit dem Titel „A Liadl üba KI“.
Ausschnitt folgt
Komplexität nutzen, Zukunft gestalten!
Harry Gatterer, Geschäftsführer, Zukunftsinstitut
Im zweiten Referat des Vormittags rief Zukunftsforscher Harry Gatterer dazu auf, „Komplexität zu nutzen und Zukunft zu gestalten!“. Die Technik sei heute in der Lage, immer stärker in Führungsaufgaben einzugreifen. Verschiedene klassische Managementaufgaben werden bereits an KI übertragen. Reine Transaktionsbegegnungen können eingespart werden. Es sei aber falsch, sich als Opfer der Zukunft zu sehen. „Die Zukunft wird von Menschen gemacht. Wir müssen selbst aktiv an der Zukunft arbeiten. Und es wird spannend, wenn wir gestaltend eingreifen“.
Das von Gatterer geleitete Zukunftsinstitut hat nun gemeinsam mit der ÖHV ein System entwickelt, um Zukunftsentwicklungen zu erkennen und die Zukunftsfähigkeit gewisser Bereiche zu hinterfragen.
137 Unternehmen haben beim „Zukunftspuls ÖHV“ mitgemacht, 80 davon ließen sich einschätzen. Demzufolge sind 21 Prozent dabei, etwas Neues zu probieren („Pioniere“), 43 Prozent sind auf Leistung getrimmt und haben die Gegenwart im Fokus („Leistungspuls“), 6 Prozent sind dabei, das Niveau konstant zu halten („Stabilisierungspuls“), 2 Prozent sind in Regeneration (Reflexion, Neuorientierung - Visionäre sind gefragt!) und 28 befinden sind in einer Übergangsphase, in der eine gewisse Unsicherheit aber auch großes Potenzial zu orten ist.
Im Rahmen der beschriebenen Trends hat jedes Hotel seine individuelle Zukunft vor sich, erklärte Gatterer. Es komme jetzt darauf an, herauszuarbeiten, „welche Zukunft für mich möglich ist und wie ich dazu komme“. Hier greift das ÖHV-Projekt ein, indem es hilft, aus Zukunftstrends umsetzbare Szenarien zu entwickeln. Das mache es möglich, so Gatterer, viel gestalterische Energie freizusetzen: „Der Tourismus ist eine extrem wichtige Säule für Österreich. Eine positive Kraft, aus der noch viel kreative Energie herauszuholen ist“.
Ausschnitt folgt
„Entbürokratisierung“ war Thema der Nachmittags-Session auf der „Main Stage“, während sich ein Experten-Panel auf der „Experience Stage“ zeitlich parallel mit der Frage „Simplicity und Prozessoptimierung in der Praxis“ befasste.
zur Videoaufzeichnung (ausschnitt)
Digitalisierungsexperte Christian Rupp referierte auf der Hauptbühne einleitend über „Konkrete Reformvorschläge, die wirken“. An der anschließenden Diskussionsrunde unter der kompetenten Moderation von Ute Pichler (ORF) beteiligten sich Sabine Jungwirth (Bundessprecherin der Jungen Wirtschaft), Politikberater Andreas Kovar und Johannes Scheiblauer, Gastgeber im Relaxresort Kothmühle.
Entbürokratisierung konkret: Reformvorschläge, die wirken
Christian Rupp, Digitalisierungsexperte
Christian Rupp sprach sich für digitaltaugliche Gesetze zur Unterstützung des Bürokratieabbaus aus. Die Automatisierung von Prozessen brauche allerdings ihre Zeit, oft müsse ein „Tal der Tränen“ durchschritten werden. Das Ziel sei Kostensenkung oder Lastenumkehr (Beispiel: „Bekommen Sie keine Antwort binnen drei Monaten dann gilt Ihr Antrag als genehmigt“). Ein elektronischer Identifikationsnachweis würde endlich das elektronische Gästeblatt ermöglichen. Ein Phänomen, auf das Rupp aufmerksam machte: Der Bürger wünscht sich mehr Transparenz, bleibt aber im eigenen Bereich der Technologie gegenüber eher skeptisch.
In der nachfolgenden Diskussion kamen verschiedene Auswirkungen der Bürokratie auf die Praxis zur Sprache. So meinte beispielsweise Scheiblauer, dass die Betriebe durch Entbürokratisierung der Brandschutzmaßnahmen beträchtliche Mittel einsparen könnten. Kovar rät dazu, Gesetze laufend anzupassen. Meist seien nur Teile eines Gesetzes eine Schwachstelle. Auch warnt er vor populistischen Slogans wie „für jedes neue Gesetz ein altes abschaffen“. Da erhebe sich die Frage: was ist ein Gesetz, wie gleichwertig sind Gesetze? Jungwirth wiederum verwies darauf, dass vieles nicht mit Gesetzen sondern mit Normen zu tun habe. Es könne leicht zu Streitigkeiten führen, wenn etwas „der Norm nicht entspricht“. Man müsse schauen, so Rupp, wo man mit Digitalisierung und Bürokratieabbau wirklich helfen kann. Dann sei es Sache des politischen Willens, die Erkenntnisse umzusetzen. Wie könnte man Familienbetrieben wirklich helfen? Durch das bereits angesprochene digitale Gästeblatt, durch entstaubte, digitalisierungstaugliche Gesetze, durch Anpassungen und Umdenken, was sich elektronisch machen lässt sowie durch praxisnahe Digitalisierungen, dort, wo Fachkräfte fehlen. „Die Technik ist da. Jetzt geht´s darum, sie einzusetzen, wo sie gebraucht wird“. Das Ziel für Österreich, so Kovar, müsse sein, „in fünf Jahren die weltbeste Verwaltung zu haben“.
Das Nachmittagsprogramm wurde mit zwei weiteren Parallel-Sessions fortgesetzt. Auf der Hauptbühne sprach die bekannte Ex-Profifußballerin Viktoria Schnaderbeck über „Teamgeist trifft Klarheit - Erfolgsprinzipien aus dem Spitzensport“. Die Experience Stage widmete sich zur gleichen Zeit der Frage „Von Big Data zu Small Data - Small Data macht Marken menschlich“, vorgetragen von Brigitte Maier und Sarah Helm (petrichor GmbH). Über „Erfolgsgeschichten aus der Branche“ sprachen im Praxis-Panel der Experience Stage Nadia Bruckner (Gastgeberin im Hotel Neue Post), Gernot Deutsch (Gastgeber im Thermenresort Bad Waltersdorf), Marie-Louise Schnurpfeil (GF Linz Tourismus) sowie Johannes Schopf (Prokurist, Baumkronenweg). Die Moderation besorgte Caroline Preinfalk (OHV).
Teamgeist trifft Klarheit - Erfolgsprinzipien aus dem Spitzensport
Viktoria Schnaderbeck, Ex-Profifußballerin und TV-Expertin
Persönliche und berührende Einblicke in ihr Leben als Sportlerin gab Viktoria Schnaderbeck, die damit zum Nachdenken einlud, was „Erfolg“ wirklich bedeutet. Erfolg, so die vielfach ausgezeichnete Fußballerin, bedeute eine „Reise über Höhen und Tiefen“. Talfahrten gehörten genauso dazu wie gefeierte Höhepunkte. In ihrem Beitrag „Teamgeist trifft Klarheit - Erfolgsprinzipien aus dem Spitzensport“ fasste die langjährige Kapitänin des rot-weiß-roten Damenfußballteams die aus ihrer Sicht wesentlichen Faktoren für einen Erfolg in fünf Punkten zusammen:
- Klarheit über das Wofür. Alle müssen im gleichen Boot sitzen und in die gleiche Richtung rudern,
- Klarheit auch in der Führung. Es gilt Verantwortung zu übernehmen. Die besten Leader hinterlassen Spuren im Herzen,
- Klarheit über die Bedeutung der Rollen. Der Teamgeist gewinnt durch Rollen, die gleich viel wert sind und miteinander auf Augenhöhe stehen,
- Klarheit in der Kommunikation. Klarheit schlägt Harmonie, sowie schließlich
- Klarheit im Umgang mit Herausforderungen. „Widerstand bricht schwache Teams, aber formt die besten“, so „Vicki“ Schnaderbeck.
Als Spielerin holte Schnaderbeck Meistertitel mit dem FC Bayern München und Arsenal London und absolvierte als Torfrau 83 Länderspiele. Sie ist heute u.a. UEFA Football Board Member und TV-Fußballexpertin beim ORF.
Play.Connect.Celebrate in der Raiffeisen Arena
Mit Fußball ging´s am Abend flott weiter. Die Kongressteilnehmer.innen waren zu „Play.Connect.Celebrate“ in der Linzer Raiffeisen Arena eingeladen, eine der modernsten Anlagen in Europa mit vielfältigem Eventangebot. (Nicht nur) Fußballfans und ihre Freunde kamen bei einem ausgesuchten Programm voll auf ihre Rechnung.