Arbeitsmarktmotor Tourismus
Aufgrund einer Systemumstellung bei der Erhebung der Beschäftigtenzahlensind die aktuellen Arbeitsmarktdaten mit denen der Vorjahre nicht vergleichbar.Daher wurden bei den Zahlenreihen auf Branchenebene auf aktuellere Datenals jene aus dem Jahr 2007 verzichtet. Die Entwicklung der offenen Stellen ineinzelnen Berufen bleibt davon unberührt.
Gehörten Hotellerie und Gastronomie im Jahr 2007 mit durchschnittlich 168.924 Beschäftigten zu den wichtigsten Arbeitgebern des Landes, nimmt die Bedeutung dieser Jobmotoren vor dem Hintergrund der sich verschärfenden konjunkturellen Situation weiter zu: Unsere Branche sucht als eine der wenigen immer noch Mitarbeiter, wenn in anderen Wirtschaftszweigen längst Mitarbeiter im großen Stil abgebaut werden. 56,6 Prozent der Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie werden einer aktuellen WIFO-Studie zufolge über dem Kollektivvertragsniveau bezahlt.

Die Zahl der Arbeitsplätze im Beherbergungs- und Gaststättenwesen ist zwischen 1997 und 2007 um 26.404 bzw. 18,5 Prozent gestiegen. Direkt, indirekt und sekundär schafft ein Unternehmen hier 7,3 Arbeitsplätze. Ein Arbeitsplatz in der Hotellerie schafft zwei Arbeitsplätze in der Gesamtwirtschaft.
Arbeitsmarkt öffnen
Über alle Kategorien hinweg stieg die Zahl der Nächtigungen in Österreichs Hotels zwischen 2004 und 2008 um 8,3 Millionen oder 11,2 Prozent. Der Großteil dieses Anstiegs entfiel auf die Vier- und Fünf-Sterne-Hotellerie: Diese beiden Kategorien verzeichneten in besagtem Zeitraum eine Nächtigungssteigerung um 20,6 Prozent, während die Zahl der Betten um 13,2 Prozent zunahm. Mit der steigenden Nachfrage nach höheren Hotelkategorien steigt auch der Bedarf an Fachkräften überdurchschnittlich.


Während die meisten anderen europäischen Volkswirtschaften ihren Arbeitsmarkt längst für Bewerber aus allen EU-Staaten geöffnet haben, ermöglicht Österreichs Übergangslösung in Form der Fachkräfteverordnung Hoteliers lediglich, Bürger aus den neuen Mitgliedsstaaten in einem einzigen Beruf einzustellen– als Gaststättenkoch. Damit entfällt gerade einmal einer von 50 Berufen inder Fachkräfteverordnung auf den Tourismus. Mehr als ein Drittel aller Mitarbeiter, die in Österreich infolge der Fachkräfteverordnung eingestellt wurden, sind als Köche in Tourismusbetrieben beschäftigt.
Einer aktuellen Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) zufolge ist mit einer Stagnation der Nachfrage nach österreichischen Tourismusdienstleistungen bis 2011 zu rechnen. Dies wird jedoch keine Auswirkungen auf die mittelfristige Entwicklung des Mitarbeiterbedarfs haben: Im Gegenteil ist von einem weiteren Anstieg der Beschäftigungsverhältnisse im Tourismus deutlich über dem der Gesamtwirtschaft zu rechnen. Diese Arbeitskräftenachfrage wird auch aufgrund des demographischen Wandels mit dem inländischen Arbeitskräftepotential nicht ausreichend bedient werden können. Eine rasche Öffnung des Arbeitsmarktes, so die Schlussfolgerung des IHS, könnte zumindest zu einem Teil die aus der bisherigen Arbeitsmarktpolitik resultierenden Nachteile für Österreichs Tourismusbetriebe im Wettbewerb um dringend benötigte internationale Arbeitskräfte ausgleichen.
Bereits seit Jahren ist eine Untersuchung des Wirtschaftsforschungsinstituts bekannt, der zufolge gerade einmal 10 Prozent der vorgemerkten Arbeitslosen tatsächlich vermittelbar sind. Die als Einzelfallgenehmigungen durch zuführendenVerfahren müssen vereinfacht, die dadurch gebundenen Mittel anderweitig sinnvoller eingesetzt werden.
Der österreichischen Wirtschaft werden bis 2023 aufgrund der sinkenden Geburtenrate deutlich weniger Lehranfänger zur Verfügung stehen. Zu rechnen ist mit einem Rückgang um bis zu ein Viertel. Für die Tourismusbetriebe, die aufgrund des hohen Fachkräftebedarfs schon jetzt mehr Lehrstellen anbieten, als sie besetzen können, wäre diese Entwicklung fatal: Um die bekannt hohe österreichische Dienstleistungsqualität – einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil –halten zu können, brauchen die Betriebe eine ausreichende Anzahl fachlich ausgebildeter Mitarbeiter.
Unser Vorschlag
Die Fachkräfteverordnung verbessert die Situation auf dem Tourismus-Arbeitsmarkt, dennoch besteht weiterer Handlungsbedarf. Neben den Köchen müssen andere Berufsbilder im Tourismus Eingang in die Fachkräfteverordnung finden. In weiterer Folge sollte die dringend notwendige Arbeitsmarktöffnung für Fach- und Hilfskräfte nicht weiter hinausgezögert, sondern rasch umgesetzt werden. Dem Bericht der Europäischen Kommission zufolge sind keine negativen Folgen einer Arbeitsmarktöffnung aus den Mitgliedsstaaten bekannt, die sie bereits vollzogen haben. Im Gegenteil weisen Staaten, die den Arbeitsmarkt bereits geöffnet haben, eine bessere wirtschaftliche Entwicklung auf.
Vom Hinauszögern der Öffnung auf wirtschaftlich schwierigere Zeiten rät die EU-Kommission ab. Beim zuständigen EU-Kommissar Vladimir Spidla, dem Arbeitsmarktservice Österreich, der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaftder WKÖ und bei der ÖHV herrscht Einigkeit darüber, dass die Öffnung des Arbeitsmarktes aus Sicht der Tourismuswirtschaft so rasch wie möglich erfolgen muss.
Initiativen für Ganzjahresarbeit
Zwischensaisonen und die damit verbundenen höheren Arbeitslosenraten belasten Österreichs Arbeitsmarkt. Die Situation am Arbeitsmarkt und der internationale Trend zum Ganzjahrestourismus verlangen nach alternativen Strategien zur Nutzung neuer Zukunftsmärkte. Eine Befragung unter ÖHV-Mitgliedern im Jahr 2005 hat ergeben, dass 79 Prozent der Zweisaison-Betriebe Mitarbeiter ganzjährig beschäftigen würden, auch wenn der Betrieb saisonal geschlossen bleibt.

Unser Vorschlag
Durch das ÖHV-Mitarbeitermodell „365 Tage Arbeit im Tourismus“ sollen Mitarbeiter von Zweisaison-Hotelbetrieben mit Schließzeiten von rund zwei Monaten durchgehend beschäftigt werden. In der Anfangsphase sollen die Löhne und Gehälter gestützt werden, und zwar in jener Höhe, die das Arbeitslosengeld im jeweiligen Fall ausmachen würde. Im Rahmen des Kombilohnmodells ist seit Februar 2006 eine Förderung von Langzeitarbeitslosen für ein Jahr vorgesehen. Die Schließzeiten könnten für Mitarbeiterschulung und Qualitätsverbesserung genutzt werden. Erstmals würden die „Arbeit“ und die schon lange geforderte Saisonentzerrung gefördert und unterstützt.
- Den Mitarbeitern bringt dieses Modell ein höheres Bruttogehalt über das ganze Jahr mit Optimierung der Anrechnungszeit für die Pensionen.
- Die Vorteile für den Hotelier: Qualitätssteigerungen, betriebswirtschaftliche Verbesserungen und geringere Fluktuation (die Fluktuationskostenbetragen in der Hotellerie pro Mitarbeiter etwa 5.000 bis 6.000Euro).
- Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht macht das Modell Sinn: Die Arbeitslosenrate sinkt, die Wertschöpfung aus dem Tourismus steigt, zusätzliche Arbeitsplätze werden geschaffen. Darüber hinaus würde die Attraktivität der Branche steigen.
Arbeitszeiten flexibilisieren
Das Arbeitsmarktservice und die Bundesregierung denken über Lohnersatzleistungen nach und planen Förderungen und Subventionen für Betriebe, die ihre Mitarbeiter nicht freisetzen. Jede Maßnahme, die Arbeitslosigkeit in denZwischenzeiten verhindert, wäre für den Staat billiger, als Arbeitslosigkeit zufinanzieren. Das wäre volkswirtschaftlich ein Gewinn.
Unser Vorschlag
Im Tourismus muss die Normalarbeitszeit neu definiert und flexibler gestaltet werden: Je flexibler die Arbeitszeit, umso professioneller kann die Branche agieren. Österreichs Hotellerie und Tourismus bieten als hochqualitative Dienstleister hervorragendes Service zu einem sehr guten Preis, das auch in konjunkturell schwierigen Zeiten stark nachgefragt wird: Rückläufige Nächtigungszahlen werden in der Ferienhotellerie, wenn überhaupt, erst etwa ein Jahr verspätet bemerkt. Anders die Situation in der Stadthotellerie, die aufgrund der hohen Affinität zu anderen Wirtschaftszweigen zeitnah Nachfragerückgänge realisiert.
Der an die durchschnittliche Belegung in der Stadthotellerie angelehnte Mitarbeiterstand ist aufgrund des Nächtigungsrückgangs seitens der Businessgäste für den derzeit anfallenden Aufwand zu hoch. Um der Freisetzungvon Mitarbeitern vorbeugen zu können, sollte der Stadthotellerie daher, angelehnt an die Situation in der Ferienhotellerie, eine Ausweitung des Durchrechnungszeitraums für Überstunden von 13 Wochen auf 12 Monate bei einer Verfallsfrist von sechs Monaten ermöglicht werden.
Ausreichend Saisoniers
Die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte ist für den Erfolg vieler Betriebe entscheidend. In Österreich zeichnet sich eine Knappheit an Arbeitskräften ab. Der Tourismus ist mit dem internationalen Phänomen konfrontiert, dass es trotz Arbeitslosigkeit einen Mangel an qualifizierten Mitarbeitern gibt. Wenn der Bedarf an Mitarbeitern in Spitzenzeiten nicht durch inländische Arbeitnehmer gedeckt werden kann, muss die saisonale Beschäftigung von Ausländern ermöglicht werden. Eine Kürzung des Saisonier-Kontingents wird laut Experten die Arbeitslosigkeit in Österreich nicht reduzieren, sondern lediglich dazu führen, dass die Betriebe die benötigten Arbeitnehmer aus dem EU-Ausland – etwa Deutschland – holen. Eine Reduktion der Saisoniers würde zudem auch einen Rückgang von Fachkräften nach sich ziehen.
Unser Vorschlag
Die Regierung sollte sicherstellen, dass rechtzeitig – das heißt vor Beginnder Mitarbeiterplanung für die kommende Saison – ausreichend Mitarbeiter zur Verfügung stehen und die Abwicklung unbürokratisch erfolgt. Das Kontingent für Saisoniers soll ausgeweitet werden, auch im Fall einer Arbeitsmarktöffnung für Mitarbeiter aus den EU-Staaten. Die in vielen Fällenmit den Anforderungen ihrer Arbeitgeberbetriebe bereits vertrauten Saisoniers stammen aus Nicht-EU-Mitgliedsstaaten und müssen den Betrieben auch in den kommenden Jahren zur Verfügung stehen.

Kombilohn forcieren
Ein „Kombilohnmodell neu“ steht bereits auf der Agenda der Bundesregierung. Dabei sollen branchenspezifische Modelle berücksichtigt werden.
Unser Vorschlag
Speziell Tourismusbetriebe, deren Mitarbeiter überdurchschnittlich jung sind, sollten Qualifikationsmaßnahmen setzen, die die Bindung an die Branche festigen. Unterstützt aus Mitteln des Arbeitsmarktservice, soll die Jahresarbeitszeit in Saisonbetrieben durch Schulungsmaßnahmen außerhalb der Saison verlängert werden. Dadurch kann nicht nur die regionalesaisonale Arbeitslosigkeit gesenkt werden, auch fließen die zur Finanzierung notwendigen Mittel über die von den Arbeitgebern abzuführenden Sozialversicherungsbeiträge wieder ins System zurück.
Praxisorientierte Ausbildung
Die Mitarbeiter in der Hotellerie, ihr Know-how und ihre Entwicklung spielen eine zentrale Rolle bei der Sicherstellung der hohen Qualitätsstandards. In denTourismus- und Freizeitbetrieben wurden 2007 insgesamt 14.818 Lehrlinge ausgebildet. Das sind 11,4 Prozent aller Lehrlinge in Österreich und damit beinahe so viele wie in der Industrie. Das Engagement der Hotellerie in der Fachkräfteausbildung lässt sich nicht nur am überdurchschnittlich hohen Lehrlingsanteil ablesen, sondern auch an der starken Nachfrage nach begleitenden Weiterbildungsangeboten wie der Lehrlingsakademie von ÖHV und Gewerkschaft vida, die nach dem großen Erfolg der ersten beiden Zyklen nun bundesweit angeboten wird. Österreich als Land der Bereisten sollte eine pro-aktive Zuwanderungspolitik anstreben und eine Rolle als weltoffener Gastgeber einnehmen. Die nationalen Arbeitsmärkte innerhalb der EU sollen schneller zusammenwachsen. Die geltenden Übergangsfristen, mit denen Arbeitskräfte aus neuen EU-Mitgliedsstaaten vom heimischen Arbeitsmarkt ferngehalten werden, sind dabei nicht hilfreich. Die Branche benötigt eine pragmatische Migrationspolitik, die sich nicht an populistischen Parolen orientiert.
Unsere Vorschläge
Das starke Engagement der Hotellerie in der Fachkräfteausbildung zeigt sich auch in einer Umfrage unter den ÖHV-Mitgliedern: Alleine die ÖHVMitgliedsbetriebe würden mehr als 300 weitere Lehrlinge ausbilden, wenn es einen Lehrberuf für die Rezeption gäbe. Online-Buchungen und -Hotelbewertungsplattformen müssen einen Schwerpunkt in der Ausbildung eines Rezeptionisten ausmachen, der Lehrplan hat einer ständigen kritischen Evaluierung und Optimierung zu unterliegen. Dieser Hightech-Berufsoll so rasch wie möglich eingeführt werden. Die Berufsreifeprüfung für Lehrlinge muss interessanter gemacht und besser kommuniziert werden. Die Praxiszeiten in Tourismusschulen sollen ausgeweitet werden. Die meisten Praktika fallen in die Zeit zwischen Juni und September – wenn in den meisten Betrieben Hochsaison herrscht. Das erschwert die Ausbildung der Praktikanten und schreckt Jugendliche von der Arbeit im Tourismus ab. Eine Flexibilisierung der Praktikumszeiten könnte über mehr Schulautonomie forciert werden. Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrer sollen intensiviert werden.
Die ÖHV-Akademien
Die ÖHV als Full-Service-Anbieter für die österreichische Hotellerie bietet ihren Mitgliedern neben engagierter Interessenvertretung und einer breiten Palettean Produkten und Dienstleistungen eine umfassende Aus- und Weiterbildungsschiene für Lehrlinge, Mitarbeiter und Unternehmer an. 20 Jahre Erfahrung, ausgewiesene Sachkenntnis und intensive Zusammenarbeit mit Experten aus Hotellerie und Lehre garantieren höchste Qualität in der Vermittlung von aktuellem praxisorientiertem Know-how, von dem das Unternehmen und die Teilnehmer gleichermaßen profitieren.
Unternehmer-Akademie
Die Unternehmer-Akademie (UNA) ist eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung, die sich durch ihren starken Praxisbezug auszeichnet. Die Teilnehmer erwerben Grundlagen im Hotelmanagement, fachspezifisches Wissen und verbessern ihre Sozialkompetenz als Führungskraft. Zielgruppe sind Unternehmer, deren Nachfolger und Direktoren in der Hotellerie. In fast 20 Jahren wurde mehr als ein Fünftel der ÖHV-Mitglieder zu „ÖHV-Diplomhoteliers“ ausgebildet.
Abteilungsleiter-Akademie
Die Abteilungsleiter-Akademie (AKA), ein einjähriger, berufsbegleitender Intensivlehrgang, richtet sich an Abteilungsleiter aus allen Bereichen eines Hotels. In drei Modulen zu je vier Tagen erwerben die Teilnehmer Know-how in Führung, Kommunikation, Konfliktmanagement und Gästeorientierung. Sie entwickeln Kostenbewusstsein und erlernen wichtige Tools für Mitarbeiterorganisation und-entwicklung.
Lehrlingsakademie
Wer in der Hotellerie ganz nach oben will, muss persönlich, kommunikativ und fachlich top sein. In der Lehrlingsakademie von ÖHVund Gewerkschaft vida haben Hotellehrlinge schon früh Gelegenheit, diese Fähigkeiten zu optimieren. Inhalt dieses berufsbegleitenden Intensivlehrgangs, der aus zwei Modulen zu je vier Tagen besteht, ist eine persönlichkeitsbildende und fachliche Weiterbildung über die duale Berufsausbildung hinaus. Von der branchenweit einzigartigen Weiterqualifizierung profitieren nicht nur Betriebe und Lehrlinge durch ein Mehr an Know-how und Motivation; die gesamte Branche erfährt einen Imageschub.
ÖHV-Positionspapier 2010/2011






