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Tag 2 am ÖHV-Kongress 2022
Kongress

Tag 2 am ÖHV-Kongress 2022

Im voll besetzten Zeremoniensaal der Wiener Hofburg wurde am Vormittag der 30. ÖHV-Kongress durch Präsident Walter Veit offiziell eröffnet. Das Tagungsmotto lautet „Lebensläufe - Arbeitswelten neu denken“.

Dienstag, 3. Mai

Dienstag, 3. Mai

ÖHV-Präsident Veit: Arbeit muss billiger und günstiger werden!

In seiner Grundsatzrede betonte der politisch erfahrene Hotelier, er selbst und das ganze Präsidium der ÖHV bieten Politik und Sozialpartnern ihre Zusammenarbeit an. Die Situation sei gefährlich. Die Steuer- und Eigenkapitalsituation der gesamten Branche habe sich dramatisch  verschlechtert. Dazu kommen in jüngster Zeit noch große Energieprobleme.

„Für uns ist die Steuerreform nicht ökosozial“, kritisierte Veit. „Wir Dienstleister werden bestraft, weil wir Dienst am Gast leisten wollen“, meinte er wörtlich. Jeder dritte Betrieb müsse seinen Leistungsumfang reduzieren, jeder fünfte Betrieb schließen. 18 Prozent hinterfragten ihr Geschäftsmodell und 23 Prozent lagern Prozesse aus, weil Mitarbeiter fehlen. Wer jetzt den Arbeitgebern den Schwarzen Peter zuschieben will, der mache es sich zu leicht.

Gefragt sei ein radikaler Schnitt. Das übliche klein, klein bei Steuerreformen bringe nichts. „Arbeit muss sich lohnen. Reißen wir das Ruder herum, um aus dem Teufelskreis herauszukommen“, appellierte Veit an die Politik. Im derzeitigen System die Löhne zu erhöhen sei zu wenig. Es brauche  vielmehr eine echte, spürbare Entlastung der Arbeit, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. „Denken wir groß, gehen wir es an“, deponierte der ÖHV-Präsident mit Nachdruck.

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Philosoph und Bestsellerautor David Precht über die Zukunft der Arbeit

Wie kann trotz großer gesellschaftlicher Veränderungen die Dienstleistung leistbar bleiben? Mit dieser grundlegenden Frage befasste sich der Hauptredner des Vormittags, der Philosoph und Publizist Prof. Richard David Precht.Wie er einleitend sagte, leben wir heute weniger in einer Erwerbsgesellschaft denn in einer Sinngesellschaft. Eine Folge davon, dass wir als Gesellschaft so reich sind. „Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist genug da für alle“.

Trotz fortschreitender Technik werde es auch in Zukunft viele Bereiche geben, wo Menschen und nicht Maschinen arbeiten. Der Empathiefaktor entscheidet. Doch gerade bei den wichtigen „Empathieberufen“ gibt es einen Mangel an Fachkräften. Als durchaus diskussionswürdig sieht Precht in diesem Zusammenhang die Einführung eines „Grundeinkommens“ an. Dieses hätte in der Tourismusbranche durchaus einen Sinn. Die Beschäftigten hätten, auch wenn sie weniger Tage arbeiten, durch die Kombination von Grundeinkommen und Lohn insgesamt mehr Geld zur Verfügung. Man könnte damit, so der Vortragende, in ein neues Zeitalter kommen. „Machen wir die Arbeit so günstig und lohnend, dass es für beide Seiten attraktiv ist zu arbeiten“.

Angesichts einer sich stark verändernden Arbeitskultur habe der Gedanke des flexiblen Arbeitens - innerhalb geregelter Verhältnisse - durchaus viel für sich. Damit könne man auch in Zukunft für Mitarbeiter attraktiv sein. Darin liege eine Chance für den Tourismus, weil dieser ja an sich eine sehr attraktive Branche ist, schloss Precht seine mit großem Interesse verfolgten Ausführungen.

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Wie tickt die Jugend, besonders die „Generation Z“?

Anschließend an den philosophischen Ansatz von David Precht beleuchtete Prof. Antje-Britta Mörstedt (Private Hochschule Göttngen) das Mitarbeiter-Thema von der eher praktischen Seite. Die Bevölkerung lässt sich dazu durchaus in Kategorien einteilen: Auf die Baby-Boomer (geboren zwischen 1950 und 1964) und die Generation X (1965 - 1979) folgen die Generation Y (1980 - 1993) und aktuell die Generation Z. Besonders letztere zeichne sich dadurch aus, dass die Arbeit zum Privatleben passen muss (und nicht umgekehrt, wie früher). Angehörige dieser Generation sind vernetzt, realistisch, ehrgeizig und schätzen Freundschaften. Sie sind relaxed, Multimedia-affin und in Teilen umweltbewusst. Sinn und Spaß an der Arbeit sind wichtig, sie wollen sich nicht zu Tode arbeiten, wie vielleicht ihre Großeltern. Sie gefallen sich als Rebellen, die den Status quo verändern wollen. Sie wollen Aufmerksamkeit für das, was sie tun, denken und sagen.

Wenn es um die Rekrutierung von Jugendlichen der Generation Z geht, ist es nach den Worten von Prof. Mörstedt nützlich, ein positives Image der Arbeitgebermarke in den Köpfen dieser potentiellen Mitarbeiter zu verankern. Konkret gehe es darum, Kontaktpunkte zu finden und dabei eine klare Transparenz zu verfolgen („smart channel recruiting“). Wichtig ist beispielsweise, schnell auf Bewerbungen zu reagieren.

Will man Kandidaten der „GenZ“ vom eigenen Betrieb überzeugen, so rät Mörstedt, auch deren Eltern anzusprechen. „Vergessen Sie Mutti nicht. Auch sie muss überzeugt sein, wie cool es ist, im Tourismus zu arbeiten“. Man muss die Eltern in der Orientierungs- und Integrationsphase („Onboarding“) mit an  Bord nehmen. Enorm wichtig ist Arbeitsplatzsicherheit und am besten tägliches (!) Feed-back. Dem Wunsch nach Work-Life-Balance bzw. -Separation ist nachzukommen.

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Tourismusschüler geben Praxis-Erfahrungen gute Noten

Durchaus erfreuliche Ergebnisse brachte eine umfassende Studie, die erstmals ermittelte, welche Erfahrungen die heimischen Tourismusschüler und -schülerinnen in ihrer Ferialpraxis machen. Die im Sommer 2021 gemachten Praxis-Erfahrungen wurden demnach von den Jugendlichen im Durchschnitt mit 1,7 bis 2,4 (nach dem Schulnotensystem) benotet, erklärte ÖHV-Generalsekretär Markus Gratzer, der gemeinsam mit dem Leiter der Tourismusschulen Semmering, Jürgen Kürner, die Umfrage in Auftrag gegeben und begleitet hatte. Um die Schülerinnen und Schüler weiterhin gut begleiten zu können, sollen die Erfahrungen auch künftig abgefragt werden.

Von den rund 6.000 Schülerinnen und Schülern, die ein Praktikum absolvieren, hatten 1.474 (aus 14 Tourismusschulen) an der Befragung teilgenommen. Wie Markus Gratzer ausführte, berichten die Jugendlichen über ein sehr gutes Onboarding („Ich bekam eine gute Einführung in den Betrieb“) und eine gute Weiterentwicklung („was ich in der Schule gelernt habe konnte ich umsetzen“). Auf die Frage, ob die Schüler vorhaben, in der Branche zu bleiben, antworteten 44 Prozent mit „habe mir noch kein endgültiges Bild gemacht“, 25 Prozent mit „möchte auf alle Fälle in der Branche bleiben“ sowie je 15 Prozent mit „möchte nicht weiter bleiben“ und „hatte nie vor, im Tourismus zu bleiben“.

Die Praktika werden durchaus positiv bewertet, andererseits wurde aufgezeigt, wo es noch etwas zu optimieren gilt. Umgesetzt wird im Rahmen der ÖHV-Initiative „Top Arbeitgeber“ ein Online-Leitfaden für die Betriebe. Geplant sind weiters ein Handout für Schüler und Eltern sowie eine Webinarreihe.

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Martin Kocher: Der Arbeitsmarkt normalisiert sich

Mit einem aktuellen Überblick über die Entwicklung des heimischen Arbeitsmarktes setzte Arbeitsminister Martin Kocher die Tagung am Nachmittag fort. Mit 327.000 arbeitslos gemeldeten Personen sind die Zahlen weiter zurückgegangen. Gleichzeitig gibt es einen Rekord an Beschäftigten. Keine größere Problematik mehr ist die Kurzarbeit (weniger als 50.000 Personen, davon 10.800 im Tourismus). Insgesamt zählt der Tourismus 211.000 unselbständig Beschäftigte, davon 40 Prozent Neueinsteiger. „Das zeigt, dass es möglich ist, neue Mitarbeiter zu gewinnen und damit den Fachkräftemangel zu managen“, meinte der Minister.

Aktuell normalisiert sich die Situation, langfristig problematisch bleibt jedoch der demographische Wandel. 2030 werden rund 200.000 und 2050 zwischen 400.000 und 500.000 Arbeitskräfte fehlen. Die zweite große Herausforderung, so Kocher, ist die regionale Ungleichheit. Positiv zu werten sind die Erhöhung der Saisonierkontingente sowie Neuerungen bei der Rot-Weiß-Rot Karte. Hier gibt es Verbesserungen bei Mangelberufen sowie für Stammsaisoniers. Ein von den Arbeitgebern noch zu wenig erschlossenes Potenzial ist schließlich die Gruppe der Älteren.

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Österreichs horrende Abgabenlast: Schratzenstaller gibt „Triggerwarnung“ aus

In Österreich liegt die Gesamtabgabenquote bei 42,5 Prozent, im EU-Durchschnitt bei 36,4 Prozent. Der implizierte Steuersatz auf Arbeit ist der zweithöchste in der gesamten EU. Auch beim Durchschnittsabgabensatz (Total Tax Wedge) liegt Österreich ganz vorne, an dritter Stelle. „Eigentlich müsste man all diese Zahlen für zarte Seelen mit einer Triggerwarnung versehen“, meinte Margit Schratzenstaller (WIFO) bei ihrem Referat über „Lohnnebenkosten im internationalen Vergleich“. Die  bedenklich hohe Abgabenlast dämpfe das Arbeitsangebot und beeinträchtige die Nachfrage.

In der EU gab es in den vergangenen beiden Jahrzehnten einige Reformen zur Senkung der Lohnnebenkosten. Diese zeigten kurzfristig durchaus Wirkung als Instrumente zur Krisenbewältigung, formulierte die Steuerexpertin. Längerfristig werde man aber um eine eine fundamentale Umstrukturierung des gesamten Steuersystems nicht herumkommen. Aktuell sollte man versuchen, Entlastungsschritte in Hinblick auf die steigende Inflation mit einer intelligenten und nachhaltigen Senkung der Lohnnebenkosten zu kombinieren.

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„Generation On Demand“ - Wie erreiche ich die heutige Jugend?

Die Zielgruppe der heutigen jungen Menschen will sehr wohl etwas erreichen und arbeiten, allerdings dabei auch „Spaß haben“. Doch wie erreiche ich sie? Mit dieser spannenden Frage befasste sich Jubin Honafar, CEO von „whatchado“, in seinem Vortrag zum Thema „Generation On Demand - Arbeitsmarkt im Wandel der Zeit“.

Die Jungen verbringen sehr viel Zeit im Netz (14- bis 20-Jährige sind 419 Minuten am Tag online). „Also muss ich dorthin gehen, wo die Zielgruppe zuhause ist. So einfach war es noch nie - ich muss es nur machen!“, erklärte Honafar. Zuerst gehe es darum, Interesse zu wecken. Für das nachfolgende Recruiting ist gutes Branding erforderlich, „damit etwas hängen bleibt in den Köpfen“, etwa nach dem Muster „Wir sind ein toller Arbeitgeber“. Passende Videos müssen nicht teuer sein, wenn beispielsweise Lehrlinge über ihren Berufsalltag erzählen. Gefragt sind Einblicke und Erfahrungsberichte. Wichtig sei nur, dass die Botschaften authentisch rüberkommen.

Die Jugend möchte „arbeiten, um zu leben“. In der gefragten „GenZ“ legen 65 Prozent großen Wert auf eine gute Arbeitsatmosphäre. Weit oben auf der Prioritätenliste stehen weiters flexible Arbeitszeitmodelle (4-Tage-Woche), eine faire Entlohnung, Wertschätzung und Anerkennung sowie passende Weiterbildungsmöglichkeiten.

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Podiumsdiskussion: „Wie kann man die Jugend für den Tourismus begeistern?“

Der erste Tag wurde mit einer Podiumsdiskussion zum Leitthema des Kongresses abgeschlossen. Moderiert von Ute Pichler, ORF, gingen Jubin Honafar, Alexandra Hackl, Katharina Grünn (Tourismusschulen Modul) sowie Gerold Royda (Wirtschaftskammer O.Ö.) der Frage nach, wie man Begeisterung für die Branche wecken kann. Zur Sprache kamen falsche Rollenbilder seitens der

Eltern oder anderer nahestehender Personen („Nein, Du lernst etwas Ordentliches“) und die angeblichen, viel zitierten „schlechten Arbeitsbedingungen“. Ein großes Problem für die Jugendlichen selbst ist der Umstand, dass ihnen so viele Optionen offen stehen. Dies trägt zur Unsicherheit bei. Im Kolleg sind die Studenten hingegen schon viel entschlossener, den gewählten Berufsweg weiter zu verfolgen.

Die Jugend lässt sich begeistern, wenn man ihr vorlebt, wie´s geht, Erfahrungen weitergibt, sie fördert und fordert (fördern allein ist zu wenig). Man soll die Schüler in ihrer Begeisterung unterstützen und vor allem auch selber tun lassen. Jugendliche lassen sich sehr durch eigene Erlebnisse motivieren. Wichtig ist, die Theorie in die Praxis umzusetzen, „Gschichtln“ zu erzählen und Generationen zusammenzubringen. Um die jungen Leute nicht am Weg zu verlieren, ist es gut, auch die Lehrer und Trainer laufend weiter auszubilden. „Das ergibt ein gegenseitiges Lernen. So schließt sich der Kreis“.

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