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Von Kurzarbeit bis Saisoniers: AMS-Vorstand Dr. Herbert Buchinger im Interview
Corona

Von Kurzarbeit bis Saisoniers: AMS-Vorstand Dr. Herbert Buchinger im Interview

Für die kommende Wintersaison gibt es angesichts der Corona-Pandemie zahlreiche Unsicherheiten. Eine der zentralen Fragen: Welche und wie viele Mitarbeiter brauchen wir in der zweiten Jahreshälfte bzw. in der Wintersaison? Muss die Stadthotellerie Mitarbeiter freisetzen und wird die Ferienhotellerie die Mitarbeiter finden, die sie braucht? Wird es Bewilligungen geben für Saisoniers? ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer im Gespräch mit AMS-Vorstand Dr. Herbert Buchinger.

30. September 2020

Michaela Reitterer: Für die Stadthotellerie bleibt die Lage ohne große Kongresse, Reisemöglichkeiten für internationale Gäste oder Großevents weiterhin sehr schwierig. Hier hat man sehr viele Mitarbeiter in die Phasen I + II der Kurzarbeit mitgenommen, es ist aber damit zu rechnen, dass bei anhaltend schlechter Nachfrage auch welche freigesetzt werden müssen. Mit welchen Szenarien rechnet das AMS hier?

Herbert Buchinger: Das AMS versucht sich auf ein Szenario einzustellen, nach dem Betriebe sich in nicht unerheblicher Zahl gezwungen sehen werden, aus der Kurzarbeit auszusteigen, um Spielraum zu gewinnen, den Personalstand an die längerfristig gedämpfte Kapazitätsauslastung anzupassen. Gerade in der Stadthotellerie ist das ein anhaltendes Thema, weil ja, wie Sie richtig sagen, die Nachfrageeinbrüche wahrscheinlich länger anhalten werden als in anderen Bereichen der Wirtschaft. Regierung und Sozialpartner haben sich daher im August auf eine Fortführung der großzügigen Kurzarbeits-Förderung bis Ende März 2021 geeinigt. Damit wird sich die Anpassung des Personalstandes nach unten doch in überschaubaren Größenordnungen abspielen. Und was noch wichtiger ist: Der aus Sicht der Unternehmen notwendige Personalabbau wird nicht schlagartig in einer Welle erfolgen, sondern schleichend über den gesamten Verlängerungszeitraum hinweg. Mitentscheidend wird auch sein, ob im Bedarfsfall rechtzeitig (im Jänner 2021) über eine weitere Verlängerung der Covid-19-Kurzarbeit entschieden wird.

Michaela Reitterer: Für die Stadthotellerie hätten wir uns eine Verlängerung der Kurzarbeit um mindestens ein weiteres Jahr gewünscht, um mehr Planungssicherheit zu haben. Wir haben in der Ferienhotellerie gesehen, dass die meisten bereits die Phase II nicht mehr genutzt haben, weil sich die Nachfrage verbessert hat. Warum hat man trotzdem für die Phase III nicht das Vertrauen, dass all jene, die es nicht wirklich brauchen, zur regulären Beschäftigung zurückkehren, sondern führt sogar umgekehrt noch Kontrollmechanismen ein? Gab es wirklich so viel Missbrauch? Mit einer großzügigeren Lösung bzw. mehr Planungssicherheit hätte ma vielleicht auch mehr Jobs retten können?

Herbert Buchinger: Aus Sicht der Stadthotellerie ist der Wunsch verständlich. Meiner Wahrnehmung nach sind sich alle Beobachter einig, dass die Nachfragekrise in diesem Wirtschaftszweig auch nicht schlagartig mit der Überwindung der Pandemie verschwindet, sondern dass sich der Markt danach nur langsam erholen wird. Auch das AMS würde sich mehr Planungssicherheit wünschen. Nur: sowohl die Entwicklung der Gesundheitskrise, als auch der Verlauf der Wirtschaftskrise sind schwer vorhersehbar. Es könnte der Fall eintreten, dass Unterauslastung und Überauslastung von Betrieben einer Branche nebeneinander auftreten. Dass beispielsweise neben unausgelasteten und daher kurzarbeitenden Stadthotels überbuchte und unterpersonalisierte Hotels in den Feriengebieten entstehen. Fast wäre das ja schon in den Monaten Juli und August der Fall gewesen. In dieser Situation ist es nur verständlich, dass die Regierung auf Sicht fährt und Entscheidungen nur für einen absehbaren Zeitraum trifft. Missbrauchsverhinderung ist da das kleinere Motiv. Den gibt es natürlich auch, nicht häufig in der Erscheinungsform des strafrechtlich relevanten Betruges, eher in Form des Versuches, Personen auf Basis fiktiver Vereinbarungen in die Kurzarbeit zu nehmen, die in dieser Form nie realisiert wurden (Stichwort: Neueinstellungen, Umstellung von Teilzeit auf Vollzeit usw.). Dass jetzt in der Phase III die wirtschaftliche Betroffenheit der antragstellenden Betriebe näher geprüft werden soll, hat auch weniger mit offensichtlichem Missbrauch des Instruments Kurzarbeit zu tun, sondern eher mit den anhaltenden Versuchen mancher Betriebe, das Instrument auch für die Überbrückung von Saisonschwankungen der Nachfrage und der Beschäftigung zu nutzen.

 

Michaela Reitterer: Letzten Sommer konnten wir sehen, dass Betriebe im Westen dringend mehr Mitarbeiter brauchten, während im Osten bzw. den Städten zu wenig Beschäftigung angeboten werden konnte. In vielen Fällen konnten weder Arbeitslose aus dem eigenen Bundesland vermittelt noch Mitarbeiter von Ost nach West gelockt werden. Welche Maßnahmen setzt das AMS, um den Betrieben hier zu helfen?

Herbert Buchinger: Ich gebe Ihnen Recht, die überregionale Vermittlung ist eine ziemliche Herausforderung für alle Akteure am Arbeitsmarkt. Aber wir haben doch Instrumente, die helfen können. Von der innerösterreichischen Vermittlung über EURES (Arbeitsvermittlung innerhalb der EU) bis hin, wenn alle Stricke reißen, zu Saisonkontingenten für Drittstaatsangehörige. Durch die neue Arbeitnehmerfreizügigkeit mit Kroatien wird sich die Situation noch einmal entspannen. Natürlich macht die Pandemie die Sache nicht einfacher. Aber wenn die Unternehmen uns die Saisonstellen rechtzeitig melden und rechtzeitig die Besetzungsstrategien mit unseren Geschäftsstellen absprechen, sollte doch in den meisten Fällen eine Besetzung gelingen. Unmittelbar vor Saisonbeginn oder vielleicht sogar in laufender Saison wird’s allerdings schwierig.

Michaela Reitterer: Können die Unternehmer damit rechnen, dass innerhalb des aktuellen Saisonierkontingents Genehmigungen erteilt werden?
Herbert Buchinger: Als ultima ratio, wenn weder eine Vermittlung aus dem im Inland vorhandenen Arbeitskräftepotential gelingt noch aus dem EU-Ausland, werden im Rahmen der verordneten Saisonkontingente auch Beschäftigungsbewilligungen für Drittstaatsangehörige erteilt.

Das Interview wurde im September 2020 geführt.

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Martin Stanits

Martin Stanits

Leitung Public Affairs & UnternehmenssprecherE-Mail senden+43 1 5330952-20

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