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"Individualisierung geht nicht ohne Digitalisierung"
Arbeit & Fachkräfte, Digitalisierung

"Individualisierung geht nicht ohne Digitalisierung"

Silke Seemann über ein neues Verständnis des Arbeitens in der Hotellerie.

04. November 2019
Dr. Silke Seemann
Artikel von Dr. Silke Seemann

Das kleine, aber feine "Hallstatt Hideaway" ist das dritte Mal in Folge Teil der National Geographic Travellers Luxury Colleciton, für die jedes Jahr weltweit 180 Häuser ausgewählt werden, Member der Lifestyle Hotels, der Luxury Boutique Hotelgruppe eightyfourrooms.com und der Falstaff Hotel Colleciton. Die Beachtung, die darin zum Ausdruck kommt, ist einerseits dem steigenden Interesse am Welkulturerbe Hallstatt geschuldet, andererseits aber auch der Kraft einer konzeptionell basierten Strategie mit dem Schwerpunkt auf innovativer Digitalisierung. Mit einem raffiniert zugespitzten Nischenangebot ist man höchst erfolgreich unterwegs. Ein RevPAR von über 300 Euro dürfte dafür ein gutes Argument sein. 

Die Hotelerie und Wirtschaftswissenschaftlerin Dr. Silke Seemann hat das Konzept "Hallstatt Hideaway" aus ihrer Dissertation über die Zukunft der Arbeit abgeleitet. Sie fragte sich: Wenn Menschen team- und projektbasiert global und mobil arbeiten - wie sehen dritte Orte, also hybride Arbeits- und Urlaubsorte ihrer Wahl, dann aus? Diese Frage wurde Leitgedanke bei allen Entscheidungen während des Umbaus eines Hauses am Hallstättersee, das Maria Theresia 1740 für ihren Jagd- und Forstmeister errichten ließ. "Das Alte achten und mit Neuem verbinden, das hat sich schon andernorts bewährt", eklärt Dr. Seemann im Gespräch mit der "lobby". "Die Annehmlichkeiten eines Hotels mit einer Atmophäre des betont Privaten zu ergänzen, verlangt Mut und Konsequenz". Wer sein halbes Berufsleben in Hotels verbringt, sehne sich eben in anderer Weise nach privater Atmosphäre als ein Gast, der ein Hotel im Urlaub betritt. Für einen "Globalworker" müsse ein Zimmer anders eingerichtet sein, und dennoch muss er sich leicht zurechtfinden können. 

Konsequente Digitalisierung stand von Anfang an im Vordergrund. Für einen Betrieb mit fünf Suiten eine anspruchsvolle Herausforderung. "Die meisten IT-Dienstleister reden mit einem so kleinen Betrieb nicht einmal. Wer nicht mit 100 Zimmern aufwarten kann, ist nicht im Kommunikationsradar", musste die Projektbetreiberin immer wieder feststellen. Sie ließ sich daher eigene Lösungen programmieren und hat Partner wie Roland Orth gefunden. Das Property Management System (PMS) "igumbi" wird von Orth speziell für kleine Betriebe entwickelt und erlaubt neben der automatischen Zusendung und Speicherung des Meldescheins sowie der Übersendung des digitalen Zimmerschlüssels, eine weitestgehend automatisierte Gästekommunikation und in Kürze vollautomatisierte Bezahlvorgänge. Eine in-house iPad-Lösung wurde zusätzlich entwickelt, gemeinsam mit Anuar Suarez von "23degrees". Die Entwicklungszeit von drei Jahren hat der Unternehmerin, aber auch Designern, Programmieren und Netzwerkexperten, viele Nerven gekostet. "Heute spart das Produkt auf vielen Ebenen ein Vielfaches an Energie", zeigt sich Silke Seemann erfreut. 

 

Digitaliesierung ist ein ganzheitliches Unterfangen, das Unkomplizierteste ist dabei die Technik

Als Organisationsberaterin konnte Seemann in Unternehmen wie dem Lanserhof bei Innsbruck Erfahrungen sammeln, was es bedeutet, analoge Betriebe zu digitalisieren. Diese Erfahrungen kommen ihr im eigenen Haus zugute. Dank der intensiven Auseinandersetzung mit diesen Fragen war sie auch als Expertin bei der Entwicklung der Digitalisierungsstrategie des heimischen Tourismus 2017 und 2018 gefragt. Dabei wurde ihr deutlich, wie schnell sich die Schere zwischen Ketten- und Systemhotellerie einerseits und kleinteiligem Tourismus andererseits öffen kann. Die einen erlangen Exzellenz in der digitalien Ansprache des Gastes, die anderen werden abgehängt. 

Kleine Unternehmen können oft weder Mittel noch Zeit erübrigen, um sich mit den vielschichtigen Veränderungen auseinanderzusetzen. Digitalisierung bedeutet ständiges Lernen. Das ist anstrengend. So kommt es, dass viele kleine Betriebe einfach so weitermachen wie bisher. Das kann erstaunlich lange gut gehen. Wenn das Erwachen kommt, ist es oft zu spät und der Abstand nicht aufzuholen.

weiß die Expertin. "Die Digitalisierung unterstützt uns optimal darin, jedem Gast das zu geben, was er braucht, um sich wohlzufühlen. Individualisierung ohne Digitalisierung ist weder denk- noch machbar". Und weil es allein so schwierig ist, neue Lösungen zu entwicklen, hat Seemann aus dem Hallstatt Hideaway jetzt "Austrian Hideaways" gemacht. Gemeinsam und im Verbund sollen Lösungen gefunden werden, die dem Einzelnen nicht möglich sind. 

 

Arbeit im Hotel als "bunte Sammlung" von Möglichkeiten

Die Frage ist, welche Aufgaben im Hotel digitalisiert werden können und welchen noch länger analog ausgeführt werden müssen. Zu letzteren gehören Arbeiten, die sozial geächtet sind. Niemand erzählt gerne, dass er sein Geld mit Putzen oder Abwaschen verdient. Doch sind das genau die Arbeiten, an denen die Qualität eines Hotels hängt - ein schmutziger Teller oder ein verschmutztes Bad sind meist das Ende aller Sympathien. 

Alle Mitarbeiter beziehen ein bedingtes Grundeinkommen, das leicht über dem kollektivvertraglichen Mindestlohn liegt. Intern wird mit „Token“ gehandelt, die zu einem festen Kurs in Euro gewechselt oder im System gespart werden können. Das Unternehmen „kauft“ zu Beginn einer Periode einen bestimmten Token-Betrag in Euro. Intern können Mitarbeiter auch untereinander Arbeit handeln. Beliebte Tätigkeiten, für die sich viele melden, sinken im Gegenwert je Stunde. Arbeit, für die sich wenige melden, steigt im Gegenwert. Teilt das System Arbeit zu, weil sich niemand gemeldet hat, wird der kollektivvertragliche Lohn gezahlt. Bringt ein Mitarbeiter einem anderen einen „skill“ bei, zahlt der Trainee einen vorher vereinbarten Betrag in Token. Wer sich langfristig verpflichtet, erhält einen höheren Gegenwert je Stunde. Und wenn jemand merkt, dass er an dem Wochenende doch lieber frei hätte, wirft er den Job auf den Markt und legt ein paar Token aus seinem Depot drauf. So entscheiden die Mitarbeiter über den (Gegen-)Wert der Arbeit und gestalten ihren Alltag in Orientierung an der eigenen Lebenssituation.

 

Blockchainbased Workplacedesign Application“

„Das ist nur ein Vorgeschmack. Aktuell sind wir mit Planung und Prototyping befasst. Zum Gedankenaustausch sind wir offen für interessierte Betriebe und schon mit einigen im Gespräch über die Blockchain based Workplacedesign Application. Wir werden einen Blog betreiben, Podcasts produzieren und einladen, mit uns in Dialog zu treten“, freut sich Seeman über künftige Partner: „Den Veränderungen in der Arbeitswelt werden wir nicht mit mehr Geld oder besseren Unterkünften begegnen können. Wir werden ganz neu fühlen und denken müssen“. 

 


Die Autorin: 

Dr. Silke Seemann, promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Hotelière aus Leidenschaft, unterrichtet an der Uni Innsbruck, FH Salzburg und betreibt die Austrian Hideaways. An der Blockchain based Wokplacedesign Application arbeitet sie gemeinsam mit Eduard Albert Prinz MSc BSc, Projektmanager Digitalisierungsagentur, und Mag. Georg Brameshuber, Assistent an der Uni Wien. Interessenten erreichen die Gruppe unter workplace­design@austrian­hide aways.com

 

Margot Leitner

Margot Leitner

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