Plan T: Österreichs touristische Zukunft

Der Stellenwert des Tourismus für Österreich? Die Zahl der unselbständig Beschäftigten im Hotel- und Gastgewerbe ist in den vergangenen 10 Jahren um +18,5 % gestiegen, mehr als doppelt so stark wie in der Gesamtwirtschaft. Der Beitrag der Tourismusbetriebe zur Leistungsbilanz stieg um +47,7 %. Aber sind die Betriebe auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten imstande, das zur erwirtschaften? Können sie den dynamischen Wandel, die notwendigen Innovationen, die steigenden Mitarbeiterkosten finanzieren? Verfügen sie über ausreichend fundiertes Know-how über die Branche selbst, über die Entwicklungen im Web, in HR-Management, Vertrieb und Finanzierung?

Klar ist, dass Nächtigungsrekorde alleine da nicht reichen. Weil am Ende des Tages nicht zählt, wie viele Betten neu überzogen werden müssen, sondern ob ein Betrieb schwarze Zahlen schreibt. Doch die Umsätze je Nächtigung sind heute um 14,6 % niedriger als vor 10 Jahren – bei steigenden Kosten. Gerade einmal ¼ der Hotels schreibt Gewinne. Eine gute Tourismusstrategie ist daher wichtiger denn je, um den österreichischen Tourismus für die Herausforderungen der nächsten Jahre auszurichten. Individualisierung, Digitalisierung und laufend ändernde Kundenerwartungen sind nur einige, Klimawandel oder globaler Wettbewerb beeinflussen die Rahmenbedingungen.

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Ein Plan mit Meilensteinen, Zielen und Zeitplan


Die Bundesregierung setzt sich für den Tourismus ehrgeizige Ziele, mit der Rücknahme der Umsatzsteuererhöhung und der Flexibilisierung der Arbeitszeit auch schon die ersten Meilensteine und mit der noch zu entwickelnden Tourismusstrategie – dem „Plan T“ – den Kurs für die kommenden Jahre. Tourismusministerin Elisabeth Köstinger hat ihn im Ministerratsvortrag so umrissen:
 
  • jährliches Monitoring
  • Stärkung der Dachmarke Österreich
  • Internationalisierung
  • Weiterentwicklung der Berufsbilder
  • Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel
  • betriebliche Finanzierung
  • Digitalisierung und Innovation
  • Saisonausweitung

Entscheidend für den Erfolg dieser Maßnahmen ist das effektive Hinarbeiten der gesamten Regierung auf die gemeinsamen Ziele. Der Zeitplan ist ambitioniert: Angekündigt auf der ITB 2018, soll der Plan T im Frühjahr 2019 präsentiert werden.
 
 

Die Player


Der Tourismus ist Österreichs Exportschlager Nr. 1 und Investition in der Region, ist Arbeitsplatzmotor setzt auf Tradition und hat Zukunft, ist regionale Jobgarantie und internationale Karrierechance und ist nachhaltig. Tourismus ist ein Gesamtkunstwerk. Umso wichtiger ist, dass alle zusammenarbeiten. Der Ministerratsvortrag nennt neben Landesregierungen, Österreich Werbung und Landestourismusorganisationen, der ÖHT und der WKÖ die ÖHV. Ganz klar braucht es die konsequente Unterstützung beider Regierungsparteien undaller Bundesländer in allen Bereichen. Eigeninteressen müssen hintanstehen. Es geht um die Sache.
 
 

Handlungsbedarf sichtbar & Erfolg messbar machen


Eine Strategie ist immer nur so gut wie ihre messbaren Ziele. Wirtschaftspolitik muss sich an relevanten Kriterien messen. Das Ziel: aktuelle Daten für Auslastung, Umsatz, Wertschöpfung, Akzeptanz und Reiseverhalten. Dazu braucht es ein Konzept zur zeitnahen Erhebung von aussagekräftigen Daten. Die Mitwirkung der Länder ist dafür unverzichtbar. Hier wird dem tourismusintensiven Westen eine wichtige Rolle zukommen. Unbestritten ist, dass dies entscheidend zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit beitragen würde wie auch zur Entwicklung von Arbeitsplätzen, Löhnen und Gehältern sowie der Steuereinnahmen. Begleitmaßnahmen wie die vorgeschlagene Besteuerung von Freizeitwohnsitzen zugunsten der Gemeinden und ähnliches könnten den Ländern die Zustimmung erleichtern.

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Tourismusforschung: Exzellenz = Existenzgrundlage


Wie umgehen mit der neuen Konkurrenz, wie entwickelt sich der tourismusspezifische Arbeitsmarkt, wie die Erwartungshaltung der Gäste und wie können notwendige Innovationen umgesetzt und finanziert werden? In vielen Bereichen fehlt es an Know-how. Doch das Wissen über Entwicklungen im Tourismus und relevanten Themengebieten ist entscheidend für die Ausrichtung der Branche, eine nationale Forschungs- und Innovationsstrategie dafür, ob Arbeitsplätze und Steuereinnahmen, Wertschöpfung und Sozialversicherungsbeiträge sich weiter nachhaltig positiv entwickeln. Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit auf einem sehr transparenten Käufermarkt. Keine österreichische Universität schafft es in die Top 10 der Tourismusforschung weltweit, selbst die Top 50 scheinen aktuell unerreichbar. 
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Es braucht eine klare Ausrichtung und Bündelung der Aktivitäten in einem nationalen  Tourismusforschungszentrum, das Mittel und Themen koordiniert und abstimmt, selbst in der Forschung neue Maßstäbe setzt. Die Ergebnisse werden den Betrieben zur Verfügung gestellt, KMU durch Innovationsassistenten und geeignete niederschwellige Kommunikationsinstrumente informiert. Aus den Forschungsergebnissen werden Maßnahmen im Bereich der Tourismuspolitik, der Finanzierung und Investition abgeleitet. Da angesichts der Universitätsautonomie keine Forschungsvorgaben erstellt werden können, sollen über die gezielte Vergabe von Fördermitteln mehr Tourismusintensität in der österreichischen Forschung angereizt werden. Die notwendigen Mittel wären zu budgetieren.
 


Finanzierung & Investition


Je erfolgreicher Preisvergleichsportale und Billiganbieter werden, umso mehr schaden unangemessene Steuerbelastungen Arbeitsmarkt und Standort. Es braucht einen Schulterschluss von Politik und Wirtschaft, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, damit die Arbeitsplatzmotoren weiter auf Hochtouren laufen. Die Rücknahme der USt-Erhöhung war ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Next steps: die Verlängerung der Abschreibungsdauer von 33 auf 40 Jahre rückgängig machen und die Lohnnebenkosten senken

Ein Wirtschaftswachstum von 3 % und günstige Zinsen stimmen Unternehmer zuversichtlich, was die Refinanzierung der Ausgaben angeht. Die Regierung will die Förderabwicklung via ÖHT als maßgeblichen Partner für die Investition ins regionale Gewerbe noch effizienter gestalten, noch mehr zinsgestützte Kredite gewähren. Wir sind überzeugt: Das Finetuning des Förderinstrumentariums, das mit seiner Förderpyramide als Vorbild für andere Sektoren genannt wird, bringt alle Beteiligten einen Schritt weiter. Es geht um eine weitere Steigerung von Effizienz und Zielgenauigkeit.
 


Erfolgsduo: Gast- & Landwirtschaft


In Österreich gedeihen Landwirtschaft und Tourismus Seite an Seite, greifen doch Produktion und Nachfrage sinnvoll ineinander. Aus heimischen Qualitätsprodukten zubereitet, bringen regionale Schmankerl Abnehmer un Anbieter in eine Win-win-Situation: Die einenpunkten dank hochqualitativer Angebote mit besserer Preisdurchsetzung, die anderen macht der bessere Distributionsmix profitabler und unabhängiger. Dieses Miteinander bewahrt die österreichische Kultur- und Naturlandschaft und Hunderttausende Arbeitsplätze abseits derurbanen Zentren. Davon profitieren wir alle. Denkbar sind Initiativen wie Partnerbörsen, Vernetzungstreffen und Fachmessen, um neue Partnerschaft in die Wege zu leiten. Spannen wir Top-Hotellerie, Spitzengastronomie und die Qualitätslandwirtschaft noch enger zusammen. Bewusstseinskampagnen für den hohen Stellenwert nachhaltiger, regionaler Produkte erhöhen Abnahme und Preisdurchsetzung marktwirtschaftlich, ohne Zwang. Wir sind überzeugt: Unsere landwirtschaftliche Qualität ist absolut top! Da geht noch mehr.
 


Tourismusmarketing Marke Österreich in der Welt 


Der schleichende Wertverlust des ÖW-Budgets seit über 20 Jahren ist nur die bekannteste Herausforderung im heimischen Tourismusmarketing. Dabei soll die ÖW die Dachmarke Österreich laut Regierungsprogramm „weltweit verstärkt“ bewerben, die aktuell kleinteilige Organisation führe „zu Nachteilen im Vertrieb“. Dafür ist nicht nur eine klare Zustimmung zur Erhöhung des ÖW-Budgets sowohl von der Bundesregierung als auch von der WKÖ notwendig, sondern auch eine klare und verbindliche Aufgabenteilung zwischen Bund, Ländern und Destinationen, noch über die im Ministerratsvortrag angekündigte bessere Abstimmung hinaus. Der österreichische Tourismus hat viele Stärken, aber auch ein Governance-Problem. Das kostet Geld. Generell zielt das Regierungsprogramm auf mehr Struktur in der Kommunikation ab als beim aktuell ungesteuerten Markenauftritt einer Vielzahl (auch staatlicher) Akteure. So findet sich die „Marke Österreich“ in mehreren Kapiteln des Regierungsprogramms wieder, in der Landwirtschaft zur „Etablierung einer national und international einheitlichen Dachmarken-Strategie“, im Sport als „wichtiges Aushängeschild“ auch für die Bewerbung im Tourismus. Eine „competitive brand“ für Österreich würde Wahrnehmung und Wahrnehmbarkeit noch stärker steigern als die auf Landesebene zielführende Zusammenführung von Tourismuswerbung, Agrarmarketing und Standortagentur. Als emotionaler Markenkern einer Kommunikation aus einem Guss bietet sich der Tourismus mit den vielen unbestritten positiven bildstarken Assoziationen an. 
 


Handlungsbedarf bei der Digitalisierung 


Das touristische Kerngeschäft bleibt die Kombination aus Mobilität und Unterkunft, aber alles darum herum verändert die Digitalisierung extrem. Steigende Reichweiten, aber auch Vertriebskosten und Abhängigkeit von Plattform-Oligopolen sind eine Folge, die unschöne Konkurrenz hinter den Fake Accounts im rechtsfreien Raum der Sharing Economy eine andere. Die Digitalisierungsstrategie, auf die im Regierungsprogramm verwiesen wird, deutet first steps an. Es gilt diese zu konkretisieren, rasch umzusetzen und um weitere notwendige Maßnahmen zu ergänzen. DSGVO und Pauschalreiserichtlinie wirken sich unterschiedlich auf lokale KMU und internationale Konzerne mit anderem Gerichtsstand aus – ein Wettbewerbsnachteil für den Standort. Eine bessere Einbindung von Praktikern hätte das verhindern können. Innovationen für die next generation der Suchmaschinen sind für Österreichs KMU unverzichtbar. Genauso braucht es im Idealfall EU-weit, zumindest aber bundesweit einheitliche Gesetze, die die Zusammenarbeit zwischen privaten Anbietern und internationalen Plattform-Giganten regeln. Dies gilt für die Einführung digitaler Betriebsstätten wie für die Verpflichtung von Plattform-Betreibern zur Übermittlung steuerlich relevanter Daten an die Finanzverwaltung. Rasch umgesetzt werden muss die international erprobte Registrierungspflicht für Anbieter auf Plattformen zur Vermietung von Unterkünften an Touristen. Für die Digitalisierungsstrategie für den Tourismus, auf die das Regierungsprogramm verweist, sind von 2018 bis 2022 pro Jahr 5 Mio. Euro veranschlagt sowie zusätzliche Mittel für die ÖW. Unverzichtbar ist gerade im Online-Business und ganz besonders im Marketing das Bündeln von Ressourcen.
 


Was es noch braucht: Arbeitsmarktinitiativen


Lücken in der innerbetrieblichen Dienstleistungskette gefährden Dienstleistungsqualität und Preisdurchsetzung, Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Es braucht es eine Bewusstseinskampagne, die den hohen Stellenwert der Branche, die damit verbundene Arbeitsplatzsicherheit in der Region und die internationalen Karrierechancen für alle Bildungsstufen authentisch und zeitgemäß vor Augen führt. Dafür bieten sich die bestehende Initiativen wie der „Tag der offenen Hoteltür“ an. Eine spürbare Lohnnebenkostensenkung würde dazu beitragen, dass mehr Stellen und Lehrstellen angeboten werden. Der touristische Arbeitsmarkt muss jedenfalls Teil einer umfassenden Tourismusstrategie sein – aus mehreren Gründen: Denn in Österreich steigt nicht nur Zahl der Nächtigungen konstant und dynamisch, sondern auch die Angebotsqualität. Auch die Zahl der Mitarbeiter steigt. Doch die Nächtigungen nehmen stärker zu. Betriebe geraten unter Zugzwang, wenn exzellent ausgebildete Lehrlinge von Qualitätsanbietern weltweit abgeworben werden, Österreich aber die Türen für Fachkräfte im Tourismus immer weiter schließt. Anbieter, die weitestgehend ohne Mitarbeiter auskommen, übernehmen Marktanteile von Arbeitgeber- und Ausbilderbetrieben. Um dem entgegenzuwirken, müssen vier im Regierungsprogramm, aber nicht in der Tourismusstrategie genannten Maßnahmen rasch umgesetzt werden:
 
  • Attraktivierung der Ausbildung im Inland
  • Reduktion der Arbeitslosigkeit
  • qualifizierte Zuwanderung
  • Saisonausweitung

Wie dringend notwendig das ist, zeigt eine bundesweite Befragung von ÖHV und Deloitte: 1/3 der Top-Betriebe musste sein Angebot reduzieren, weil offene Stellen nicht besetzt werden können, bei 37 % sind zusätzliche Arbeitsplätze gefährdet. Helfen würden die österreichweite Vermittlung von Arbeitssuchenden durch das AMS und ein Mobilitätsbonus für Arbeitsuchende aus Ostösterreich, das die Annahme offener Stellen im Westen erleichtert. Besonders rasch wirksam wären AMS-Schnellkurse für Hilfskräfte im Tourismus, die Adaptierung der Fachkräfteverordnung und die Regionalisierung der Mangelberufsliste. Begleitmaßnahmen wie die Adaptierung des Kinderbetreuungsangebots an die flexibleren Arbeitszeiten würden Arbeitsplätze in den Kindergärten selbst und anderen Branchen schaffen. Die Auslastung der bestehenden öffentlichen Einrichtungen zu erhöhen ist da ebenso zielführend wie das Forcieren privater Betreuungsangebote. Angelernte und gut integrierte Fachkräfte, die einen wertvollen Beitrag zu Wertschöpfung leisten, sind im innerbetrieblichen Ablauf unverzichtbar. Die Sache steht im Vordergrund.
 


Tourismus als Motor für die Energiewende


Die Realisierung einer möglichst fossilfreien Zukunft ist eine der wesentlichsten Aufgaben dieses Jahrhunderts und im Sinne des Pariser Klimaschutzabkommens sowie der österreichischen Klima- und Energiestrategie #mission2030. Verkehrsplanung, Elektromobilität, Schienenverkehr, das Ersetzen fossiler Verbrennung etwa bei Ölheizungen und im Verkehr durch erneuerbare Energie oder nachwachsende Rohstoffe sind Herausforderungen, die für Mensch, Natur und Wirtschaft gerade in der alpinen Region zukunftsrelevant sind. Der Plan T muss daher wesentliche Elemente für die Steuerung des Tourismus als Motor für die Energiewende beinhalten und die Branche auf dem Weg zum fossilfreien Tourismus unterstützen.

Kontakt

Martin Stanits

Leitung Public Affairs & Unternehmenssprecher

Oliver Schenk, MA

Public Affairs

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