Tourismus – Stiefkind der EU

Die Europäische Union ist mit 40 % des Welthandels der größte Wirtschaftsraum der Welt – und
das mit Abstand bedeutendste Reiseziel. Der Tourismus ist mit einem Anteil von 10 % des
EU-weiten BIP ein Schlüsselsektor der europäischen Wirtschaft.

Die EU-Kommission hebt auch den Stellenwert des Tourismus für
  • Beschäftigung und regionale Entwicklung
  • nachhaltige Entwicklung
  • Aufwertung des Natur- und Kulturerbes und die
  • Herausbildung einer europäischen Identität
hervor.

Doch dieses Bekenntnis lässt sich in den Programmen oder Budgets der EU nicht ablesen. Tourismus wird im Ausschuss TRAN (mit-)behandelt. Die Abkürzung steht für „Transport“. Wo der Ausschuss für „Verkehr und Fremdenverkehr“ die Prioritäten setzt, offenbaren Protokolle:

Für den Verkehr werden 3,3 Milliarden Euro für ein Jahr budgetiert, für den Tourismus 11 Millionen Euro für 7 Jahre. Aufgeteilt auf 28 Mitgliedsstaaten macht das 56.122 Euro pro Staat und Jahr für Tourismus.

To do: Aufstockung des EU-Budgets für Tourismus
 

Wunderkind Tourismus

Kommissionspräsident Juncker will Arbeitsplätze schaffen. Die Bilanz der vergangenen Jahre weist den Tourismus als zuverlässigsten Partner aus. Zwischen 2000 und 2010 ist die Zahl der Arbeitsplätze EU-weit um 7,1 % gestiegen, im Tourismus um 29 %. Egal ob Hochkonjunktur oder Krise: Der Tourismus war und ist der dynamischste und zuverlässigste Arbeitgeber in der EU – siehe Italien, Spanien, Griechenland und Zypern, aber auch Österreich. Dass der Industrieanteil dort zu niedrig bzw. der des Tourismus zu hoch ist, muss ebenso hinterfragt werden wie die Prioritäten der EU-Kommission.

To do: Tourismus & KMU in der EU aufwerten
           EU-weite Jobvermittlung
 

Anlaufstelle für Sorgenkinder des Arbeitsmarkts

20 % aller Beschäftigten in der EU sind ungeschulte Kräfte gegenüber 33 % im Tourismus. Und 9 % aller Beschäftigten in der EU sind unter 25, im Tourismus sind es 20 %. Mehr Tourismus wäre ein effektives Mittel gegen die hohe Arbeitslosigkeit in diesen Risikogruppen. Juncker plant ein Konjunkturpaket um 300 Mrd. Euro. Es ist nicht anzunehmen, dass 10 % davon – entsprechend seinem Anteil an Wertschöpfung und Arbeitsmarkt – in den Tourismus investiert werden. Gut wäre es. Hebel dafür gibt es viele:
  • optimale Bewerbung
  • optimale Buchungsmöglichkeiten
  • optimale Auslastung der bestehenden Ressourcen und
  • Qualitätssteigerung.
 

Positive Nebeneffekte

Setzt die EU-Kommission einige davon um, ist sie auch bei der Erreichung von Junckers Hauptziel – mehr Beschäftigung – einen Schritt weiter. Außerdem setzt sich die Politik Abwanderungsdrohungen und Massenkündigungen nicht mehr so stark aus. Die positiven Effekte würden durch Mehrumsätze in vorund nachgelagerten Branchen multipliziert, die Exportquote gesteigert. Ländliche Regionen würden dauerhaft gestärkt.
 

Innovationsoffensive stärkt Wettbewerbsposition nachhaltig

Begleitet werden muss ein effektives Tourismusprogramm der EU für Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung und Qualität von einer Innovationsoffensive. Ziele einer neuen Tourismuspolitik der EU müssen sein:
  • moderne Lösungen für Bewerbung und Buchung
  • F&E-Fokus auf Dienstleistung
  • Sicherung der Anreise-Infrastruktur
  • Entzerrung der Nachfrage durch Forcieren der Nebensaison
  • Weiterentwicklung von Finanzierungsmodelle zur Qualitätssteigerung
  • Aus- und Weiterbildungsoffensive: Dienstleistungsqualität, Fremdsprachen
  • Verbot der Ratenparität
  • Vereinheitlichung der MwSt.-Sätze
  • Verbot der Benachteiligung von Branchen (Energieabgabenvergütung)
  • Kontrolle der Verwendung von Lohnnebenkosten
  • höhere Standards und mehr Kundenzufriedenheit bei Visa Facilitation

 

Kontakt

Martin Stanits

Public Affairs & Research